Manchmal versteht man nur Bahnhof

Durch einen Kameraden vom THW bekam ich die Gelegenheit, Ende Oktober/Anfang November letzten Jahres drei Schichten auf dem Bundespolizeirevier am Kieler Bahnhof zu verbringen. Ein spannender Aufgabenbereich, so ganz anders als das, was ich bei der Landespolizei erlebt hatte, und doch mit Parallelen.

Die erste Schicht begann an diesem Montag zunächst in der übergeordneten Bundespolizeiinspektion in Kiel, wo ich freundlich begrüßt wurde und mir die Abläufe in der kleinen Leitstelle der BPOL ansehen durfte. (Quasi die Fortsetzung meines letzten Besuches.) Beeindruckend: Zwei Beamtinnen bzw. Beamte kümmern sich hier um einen Bereich, der von Kiel bis in den Süden nach Büchen reicht. Reviere der Inspektion befinden sich in Kiel, Lübeck (jeweils mit Außenstellen in Häfen und/oder Schleusen) und Puttgarden. Das bedeutet zum Teil sehr lange Anfahrtswege. Ein Beispiel: Um die Bahnstrecken um Büchen bestreifen zu können, haben die Beamtinnen und Beamten schon eine Stunde Anfahrtsweg. Daher ist man auf die Unterstützung der Landespolizei und der benachbarten Inspektionen angewiesen – sofern diese nicht auch ausgelastet sind.

Die erste Schicht

Nach diesem Einblick ging es weiter aufs Revier am Kieler Hauptbahnhof, wo mich im Wachraum freundliche Damen empfingen, darunter die Leiterin der Schicht und zwei Anwärterinnen. Unterstützt wurden sie durch zivile Kollegen oben in den Arbeitsräumen über der Wache. Sie konnten bei Bedarf – zum Beispiel der Durchsuchung einer männlichen Person – hinzugerufen werden. Auch der zeitversetzte Schichtwechsel ist hilfreich, um die Personalknappheiten durch Krankheiten, Fortbildungen, Fahrten zu den Außenstellen und so weiter auszugleichen.

Der Empfang war neugierig und ehrlich interessiert – man freute sich sichtlich über das Interesse und so konnte offen gesprochen und jede „doofe“ Frage meinerseits gestellt werden.

Gleich der erste Einsatz an diesem Tag war wohl ein recht typischer. Gerufen wurden meine „Kolleginnen auf Zeit“ von einer Mitarbeiterin der Deutschen Bahn, die direkt aus dem Zug anrief. Sie hatte eine Dame mit kleinem Kind an Bord, die ihren Fahrschein nicht zeigen konnte oder wollte. Das bedeutete: Der Vorwurf „Erschleichen von Leistungen“ stand im Raum. Wir erwarteten den Zug am Gleis und die Bahnmitarbeiterin führte die Frau mit ihrem kleinen Kind aus dem Zug heraus. Auch wenn der Zug im Kopfbahnhof etwas Aufenthalt hatte, war nicht viel Zeit. Die Zugbegleiterin hatte die wichtigsten Informationen und ihre Erreichbarkeiten bereits auf einem Zettel und einem Ausdruck ihres Kontrollgeräts zusammengetragen. Dazu erzählte sie, dass die Frau weder Deutsch noch Englisch verstand, was die Kontrolle zusätzlich erschwert hatte. Zwischendurch schien es, als ob die Mutter doch eine Fahrkarte habe, dann aber stellte sich heraus, dass eine nur für die Hinfahrt gelöst war und die Monatskarte für eine ganz andere Strecke galt. Zwar war der Sachverhalt nun klar, doch das musste der Dame noch irgendwie erklärt werden und eine Belehrung musste erfolgen. Also mussten sie und ihr Kind nach einer Kontrolle und Datenbankabfrage der Personalien mit zur Wache kommen. Einen Dolmetscher zu besorgen hätte sehr lange gedauert, also wählte man die pragmatische Lösung: Im benachbarten McDonald’s fand sich eine Mitarbeiterin, die die Muttersprache der wahrscheinlich unfreiwilligen Schwarzfahrerin beherrschte. Um sich sicherer zu fühlen, übersetzte sie auf Englisch. Der Frau war tatsächlich nicht klar, was das Problem mit ihren Tickets war. Und auch die Bedeutung der Belehrung, die sie unterschreiben wollte, konnte ihr nicht wirklich vermittelt werden, obwohl diese in der passenden Sprache ausgedruckt werden konnte. Sie wollte unbedingt und eindeutig wissen, ob sie eine Strafe erwarte und wenn ja, was für eine. Das war jedoch Sache der Gerichte und der Deutschen Bahn, die Polizistinnen konnten nur Vermutungen äußern. Nach einer Weile mit Diskussionen und Kinderbetreuung durch eine der Anwärterinnen durfte das Mutter-Kind-Gespann die Wache wieder verlassen. Die Strafanzeige und die Fahrpreisnacherhebung der DB werden folgen. Damit endete auch schon die erste Schicht für mich.

Spätschichten

Am Donnerstag und Freitag konnte ich dann noch zwei Spätschichten begleiten. Ich begann so gegen 13 Uhr und verließ die Wache kurz vor 21 Uhr. Damit waren meine Schichten etwas kürzer als die der Beamtinnen und Beamten. Die folgenden Schilderungen sind nicht chronologisch, sondern eher thematisch sortiert.

Weitere typische Fälle auf einem „Einkaufsbahnhof“, wie sich auch der Kieler Hauptbahnhof nennt, sind Ereignisse rund um die Geschäfte im Karree. So wurde aus der winzigen Supermarktfiliale im Eingangsbereich ein Ladendieb gemeldet. Als wir den hinteren Teil des Ladens erreichten, saß der Beschuldigte schon mit einem Mitarbeiter im Büro. Dieses Mal war ich mit einem Team aus einem erfahrenen Beamten und einer frisch nach Kiel gewechselten Beamtin unterwegs. Der Kollege kannte den Verdächtigen schon, trotzdem wurden die Personalien aufgenommen und über Funk in der Datenbank abgefragt. Auch eine Durchsuchung wurde durchgeführt. Aufgrund der Schilderungen des Supermarktmitarbeiters am Telefon hatte das Streifenteam auch einen kleinen Plastikkoffer mit Alkotest dabei. Der Beschuldigte Mann verhielt sich zwar ruhig, aber ganz klar war er offensichtlich nicht. Nachdem alle Formalia erledigt waren, musste der Mann noch ein Formular unterschreiben. Danach wurde ein Platzverweis ausgesprochen. Zudem bekam er Hausverbot in der Filiale.

Um solche Ladendiebstähle nachzuweisen, kommt es auf die Überwachungskameras der Filiale an. Das Überspielen der Daten dauert dabei eine ganze Weile, sodass man nicht vergessen darf, den USB-Stick auch wieder im Kassenbüro abzuholen. Die Aufnahmen werden dann ausgewertet und dem Vorgang der Strafanzeige beigefügt.

Ganz oben über dem Bundespolizeirevier und weiteren Räumen befindet sich die 3-S-Zentrale der Deutschen Bahn, zuständig für „Service, Sicherheit und Sauberkeit“ in den Bahnhöfen. Hier haben die Beamtinnen und Beamten der Bundespolizei die Möglichkeit, die Überwachungskameras des Bahnhofs auszuwerten und die Aufnahmen für ihre Ermittlungen zu sichern.

Wenn man bereits ein Hausverbot im Bahnhofssupermarkt hat, muss man damit rechnen, dass es auch durchgesetzt wird. So auch der schon aufgeregt gestikulierende Herr mit Fahrrad und Hund vor der Filiale, der telefonisch als „Randale vor dem REWE“ angekündigt worden war. Nach einer Abfrage der Personalien und einer INPOL-Abfrage folgte auch hier eine Wegweisung. Den Beamten war es dabei durch adressatengerechte Ansprache auf Augenhöhe gelungen den Mann zu beruhigen.

Patch der BPOLI Kiel

Auch bei der nächsten Alarmierung handelte es sich um einen alten Bekannten der Ordnungshüter: Auf der direkt neben der Wache gelegenen Toilettenanlage des Bahnhofs lag eine hilflose Person. Der stark übergewichtige und ungepflegte Mann war wohnungslos und lag nun in einer der Kabinen vor der Kloschüssel. Um ihn herum war sein „Hausstand“ verteilt und der Boden nass, es roch entsprechend und die Krankheiten und „Bewohner“ des Mannes waren allen bekannt. Um ihn möglichst problemlos wegzubekommen, war Plan A ihn aufzuwecken. Das gelang den beiden Beamten jedoch nicht, sodass sie nun versuchten, ihn wenigstens in den offenen Eingangsbereich der Anlage zu wuchten um einen Einsatz von Rettungsdienst und Notarzt zu ermöglichen. Auch die Kolleginnen und Kollegen vom Rettungsdienst (ein Herr, eine Dame und eine Praktikantin) kannten den bewusstlosen Mann bereits, ebenso der kurz darauf eintreffende Notarzt. Die Praktikantin kehrte denn auch in extra Schutzkleidung und mit Trage vom RTW zurück. Nach einer kurzen Untersuchung wurde der Obdachlose mit der Fahrtrage abtransportiert. Ich betätigte mich derweil als Türstopper. Die Habseligkeiten des Mannes konnten im RTW nicht transportiert werden – die Lebensmittel unklaren Alters und Zustands wanderten in den Müll. Nach dem Einsatz wurde kräftig vom Desinfektionsmittel in der Wache Gebrauch gemacht.

Neben den „Außeneinsätzen“ gibt es auch auf der Wache Aufgaben, die „nebenbei“ erledigt werden. Wenn dem Passagier 15 Minuten vor Auslaufen der Oslo-Fähre auffällt, dass er weder Personalausweis noch Reisepass dabeihat, kann ihm dort mit der Ausstellung von Passersatzdokumenten geholfen werden.

Regelmäßige Gäste im kleinen Wachraum sind die Seefahrer der Frachtschiffe, die Kiel und den Nord-Ostseekanal ansteuern. Sie bekommen bei der BPOL Ein- und Ausreisestempel. Dafür werden von den Reedereien eigens Fahrdienste organisiert, die die fremdsprachigen Matrosen, Ingenieure, Köche und ihre Kollegen zum Revier begleiten.

Am Freitagabend bekamen es die Beamtinnen und Beamten dann nochmal mit Ladendieben zu tun – dieses Mal aber nicht im Bahnhofsmarkt. Der Herr, der an der Wache klingelte, entpuppte sich als Ladendetektiv des dem Bahnhof benachbarten Einkaufszentrums. Gemeinsam mit einem Kollegen hatte er zwei Männer verfolgt, die dort in einem Geschäft Schuhe gestohlen haben sollten, sie dann aber irgendwann verloren. Der Kollege hatte die beiden Verdächtigen nun im Regionalexpress nach Hamburg wiederentdeckt. Da die Zeit drängte – der Zug sollte bald abfahren – entschieden sich die Bundespolizisten, die beiden sofort aus dem Doppelstockwagen zu holen. Die beiden Männer wurden dort mit Einkaufstüten angetroffen, aus dem Zug begleitet und auf dem Bahnsteig durchsucht. Auch die Ausweise mussten sie abgeben. Danach ging es zum Revier. Von dort aus wurde die eigentlich zuständige Landespolizei alarmiert, die mit einem Beamten, einer Beamtin und einem Schülerpraktikanten erschien. Bis die Kollegen von der LaPo erschienen und erste Fragen geklärt waren, wurde einer der Männer, die in der Schleuse, also einem von der Wache aus einsehbaren, aber verriegelten Vorraum warten mussten, zunehmend ungeduldig und beschimpfte dabei wohl auch die Detektive und die Polizei – er war in einem fort unruhig. Beide zusammen lästerten dann über den ganzen Aufriss. Sie fanden das wohl auch ganz spaßig.

Vorteil des Schülerpraktikanten: Er sprach, wie auch einer der beiden Kaufhausdetektive, die Muttersprache der beiden Verdächtigen. So konnte eine erste Befragung durchgeführt werden und auch die fremdsprachigen Beleidigungen wurden registriert. Der genaue Verlauf und ob die beiden eventuell noch anderswo Schuhe mitgehen ließen, konnte zu diesem Zeitpunkt nicht geklärt werden.

Da die Bundespolizisten parallel zu einer Schlägerei an der großen Freitreppe des Bahnhofs alarmiert wurden, blieben die beiden Landespolizisten und ich allein auf der Wache zurück, die nun als „unbesetzt“ galt. Dennoch übernahm der Landespolizist auch aushilfsmäßig den Telefondienst und freute sich über den bequemen Schreibtischstuhl.

Ein kleines Dankeschön an die Schicht.

Um den Landespolizisten die Anforderung einer zweiten Streife zu ersparen, entschieden die Bundespolizisten, den Transport der beiden Verdächtigen zum LaPo-Revier zu begleiten. Die kleine Kolonne bestand also aus zwei Fahrzeugen: Vorne der Vito der Landespolizei mit den beiden Landeskollegen, dazu die zwei Bundespolizisten mit den beiden beschuldigten Männern. Dahinter, als Shuttle für den Rückweg, der T5 der Bundespolizei mit den beiden Bundespolizistinnen (die Anwärterin am Steuer) und wir zwei Praktikanten hinten drin. Der Rückweg durch die Kieler Innenstadt war dann wieder sortenrein. Die Zusammenarbeit Land-Bund verlief äußerst kollegial – man kennt sich.

Auch wenn es „nur“ knapp drei Schichten waren – die hatten es also durchaus in sich und ich war sehr glücklich, daran teilhaben zu dürfen und so freundlich und hilfsbereit aufgenommen zu werden. Vielen Dank an alle, die das möglich gemacht haben!

Wer mehr von den Beamtinnen und Beamten vom Kieler Hauptbahnhof sehen möchte, hat aktuell bei Kabel 1 bzw. in der Mediathek JOYN die Gelegenheit.

Werbeanzeigen