Der blaue Zirkus ist in der Stadt

DAS THW-Ereignis in diesem Sommer war das Bundesjugendlager der THW Jugend. 3000 Teilnehmer aus ganz Deutschland färbten Neumünster in Schleswig-Holstein für eine Woche blau. Hier ist mein ganz persönlicher Rückblick auf ein gutes Jahr Ausnahmezustand.

Wann das Thema Bundesjugendlager das erste Mal auf die Tagesordnung kam, kann ich gar nicht mehr genau erinnern. Schon länger aber gingen die Gerüchte um, dass der Landesverband Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein „mal wieder dran sei“, nachdem man zuletzt 2006 in Wismar ein Lager ausgerichtet hatte. Nach dem offiziellen Zuschlag und Beratungen mit den letzten Ausrichtern aus Nordrhein-Westfalen liefen die Vorbereitungen im Sommer 2015 langsam an. Zunächst galt es, einen geeigneten Austragungsort zu finden. In der engeren Wahl standen bald die Horner Rennbahn in Hamburg und das Messegelände der Holstenhallen in Neumünster. Bei der Auswahl eines solchen Zeltplatzes XXL muss man viele Faktoren bedenken: Größe (inkl. Parkflächen etc.), Infrastruktur (sowohl auf dem Platz selbst als auch Drumherum), Lage, Beschaffenheit (könnten die Zelte wegsumpfen oder nicht befestigt werden?) und nicht zuletzt etwaige Kosten für Miete und/oder Instandsetzung nach dem Lager. Die Wahl fiel schlussendlich auf das Holstenhallengelände in Neumünster, denn

  • es ist über die Autobahn für Teilnehmer von Nah und Fern erreichbar
  • es bietet eine gute Infrastruktur mit Hallen, Küchen, Beleuchtung, Zaun
  • es ist im Zeitraum des Lagers verfügbar und auch für eine Vorbereitungs- und Nachbereitungsphase
  • der Boden ist befestigt
  • von Neumünster aus sind Sehenswürdigkeiten Schleswig-Holsteins in allen Himmelsrichtungen erreichbar, sogar Dänemark
  • es sind Hallen für Indoorveranstaltungen/Schlecht-Wetter-Alternativen verfügbar

Was galt es nun zu planen?

  • Unterbringung für Teilnehmer, Funktioner und Gäste
  • Versorgung (Lebensmittel/Wasser)
  • Infrastruktur (Strom, Sanitär, Entsorgung, Parken)
  • Logistik (sowohl für die Funktioner, den Auf- und Abbau und die Teilnehmer)
  • Programm (Veranstaltungen, Bühnenshows, Workshops, Ausflüge, Thementage)
  • Gäste- und Medienbetreuung
  • Sicherheitskonzepte

schwani-baustelleWas ich genau datieren kann, sind die ersten Entwürfe eines möglichen Lagermaskottchens, Projektname „Schwani“, da die gastgebende Stadt Neumünster einen Schwan im Wappen trägt. Im Juni/Juli 2015 habe ich die ersten Zeichnungen in meinem Skizzenbuch gemacht. Auch wenn sich „Kevin-Chantalle“ (Kosename) nicht als offizielles Maskottchen durchsetzen konnte, wurde er doch durch das Media Team verbreitet und begleitete uns auch stets in der Vorbereitung zum Lager.

Die einzelnen Themenbereiche teilten sich in sogenannte Projektbereiche auf, die Projektleitung bestand aus Vertretern des Landesverbandes, der gastgebenden Geschäftsstelle in Neumünster und aus der Bundesjugend. Bis zum Lager trafen sich die verschiedenen Gremien immer wieder deutschlandweit zum gegenseitigen Austausch. Dazwischen wurde viel gemailt und telefoniert. Dabei ist es THW-spezifisch, dass sich die Arbeitskreise aus ehren- und hauptamtlichen THW-Kräften zusammensetzen, die gleichberechtigt agieren.

Im Bereich „Presse- und Medienarbeit“, dem ich angehören durfte, ging es in der Vorbereitungsphase viel um organisatorische Dinge. Was für Ausstattung, vor allem im Bereit IT, brauchen wir für unsere Arbeit? Wer übernimmt welche Aufgaben? Was muss im Vorfeld erledigt werden? Letzteres betraf vor allem Pressemitteilungen und die Organisation von Presseterminen im Vorfeld.  Aber auch das Layout und die Rubriken der Lagerzeitung haben wir schon im Vorfeld festgelegt, wie auch bestimmte Themen, z.B. die Begleitung des Bundeswettbewerbs am Samstag.

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Aufbauarbeiten an den Holstenhallen

Die Organisation des Lagerplatzes mit Auf- und Abbau unterstand einer besonderen, noch recht jungen Einheit des THWs, dem Bereitstellungsraum Nord (BR Nord). Gegründet als BR500 soll diese Einheit, die sich aus Personal und Material verschiedener Ortsverbände der nördlichen Bundesländer (LV HB, NI und LV HH, MV, SH) zusammensetzt, in der Lage sein, einen Bereitstellungsraum für 500 Personen (Einsatzkräfte oder auch Zivilisten) zu errichten und zu betreiben. Eine erste Übung dazu hatte 2014 in Bruchhausen-Vilsen parallel zur großen Brückenbau-Übung stattgefunden. Die Organisation eines Lagerplatzes für 3000 bis 4000 Teilnehmer ist jedoch nochmal eine ganz andere Größenordnung, die dann eben auch einen gewissen Vorlauf benötigte – und Platz. So gab es neben dem eigentlichen Lagergelände um die Holstenhallen noch einen weiteren Zeltplatz für die Funktioner und eine Abstellfläche für Großfahrzeuge zusätzlich zu den MTW- und PKW-Parkplätzen gegenüber den Hallen.

An den Funktionerzelten

Beleuchtung an den Funktioner-Sanicontainern

Das Lagergelände wurde nun aufgeteilt in Flächen für die BR- und THW-Jugend-Führungsstellen, Sanitärbereiche, Sanitätsbereich (nicht verwechseln!), Ausstellungsflächen und Zeltparzellen. Zwei Wochen im Voraus begannen die Aufbauarbeiten in Neumünster für die Infrastruktur. Das umfasste alles bis auf die Zelte der Jugendlichen – die brachten sie selbst mit und bauten am ersten Lagertag auf. Zuerst richteten sich die Führungsstellen ein, um die Helfer_innen und das Material aus dem ganzen Landesverband zu koordinieren. Dann wurden die Zelte für die Funktioner errichtet, die den Aufbau durchführten und für die Aufrechterhaltung des Lagerbetriebs zuständig waren. Parallel begann man mit dem Bau der Infrastruktur: So wurden Strom- und Wasserleitungen verlegt und mit Sandsäcken befestigt, Duschen in Halle 5 gebaut, Sanitärcontainer angeliefert und bewegt, Feldtelefonie und IT-Leitungen verlegt, Lichtmastanhänger und Bauzäune aufgestellt und die Hallen vorbereitet. Für Fahrzeuge und Gerät gab es eine eigene Werkstatt.

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Bundesjugendlager in Zahlen
Es wurden 65.000 Brötchen, 5.000 Liter Milch und Kakao, 9.000 Liter Kaffee und Tee (nur zum Frühstück), 2,5 Tonnen Hackfleisch, 2,4 Tonnen Salat, 28.000 Joghurt, 24.500 Lunchpakete und 31.500 Stück Obst verzehrt.
18 Kilometer Feldkabel und 1 Kilometer Datenkabel wurden verbaut, dazu 3,2 Kilometer Bauzaun, 3 Kilometer Elektrokabel und 1,5 Kilometer Trinkwasserleitung, die mit 22.000 Sandsäcken (ungefähr 3 Kilometer) gesichert wurden.

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PuMa-Türschild

PuMa-Türschild

Zwei Tage vor Lagerbeginn fing auch für die PuMas (Presse- und Medienarbeit) der Ausnahmezustand an. Der „PuMa-Käfig“ wurde eingerichtet – die IT und Telefonie eingerichtet, die Versorgung sichergestellt und die erste Ausgabe der Lagerzeitung „Schwanencourier“ vorbereitet.  Einzelne von uns hatten schon im Vorfeld immer wieder die Planungstreffen und Aufbauarbeiten begleitet und auf Facebook und den verschiedenen Internetseiten berichtet, nun ging es in die heiße Phase!

So vorbereitet konnte am 3. August endlich die Anreise der Jugendgruppen starten. Leider wurden sie mit typisch norddeutschem Wetter begrüßt. Auch die Anreise war einer besonderen, blauen Logistik unterworfen. So wurden die Jugendgruppen, die ja mehrheitlich aus dem Süden über die Autobahn anreisten, schon an der Raststätte Brokenlande mithilfe der Polizei von der Autobahn abgeleitet und dort am Meldekopf erfasst und einem Platzbereich (rot oder grün). Ein zweiter Meldekopf für die von Norden anreisenden Jugendgruppen befand sich in Neumünster am Stahlwerk. So wurde sichergestellt, dass nicht zu viele Gruppen gleichzeitig auf das Lagergelände gelassen wurden und sich nicht während des Zeltaufbaus im Weg standen. Leider bedeutete das für manche Gruppen einige Wartezeit, die Platzbelegung konnte so aber reibungsloser erfolgen. An den Meldeköpfen gab es Getränke und Obst als Verpflegung.

Die offizielle Eröffnung mit Ehrengästen aus Politik, Blaulicht und THW fand am gleichen Abend in den Holstenhallen statt. Nun konnte es losgehen!

Während auf dem Lagergelände alles aufgebaut war und nur noch im Notfall Nacharbeiten liefen, wurde anderswo noch gearbeitet. Parallel zum Bundesjugendlager findet immer am Samstag der Bundeswettkampf statt, bei dem die Sieger der Landeswettbewerbe zum THW-Kräftemessen antreten. Da das Lagergelände keinen Platz für den Wettkampf bot, ist man dafür auf den Sportplatz der IGS Brachenfeld ausgewichen. Zwei Tage vor dem großen Tag wurde damit begonnen, die Wettkampfbahnen abzustecken und vorzubereiten. So mussten die Helfer_innen aus zwei Ortsverbänden unter anderem einen Turm aus dem Einsatzgerüstsystem (EGS) bauen, der den Junghelfer_innen dann als Hausattrappe dienen sollte. Der Wettkampf ist traditionell der Höhepunkt der Lagerwoche, sodass hier ein besonders großer Aufwand betrieben wurde und auch das Medieninteresse besonders groß war. Daher richtete sich auch das Media Team hier einen kleinen Stützpunkt ein. Auch Verpflegungsstände, eine Bühne und ein Verkaufsstand wurden aufgebaut.

Die Aufgaben, die es für 15 Jugendgruppen zu meistern galt (Bremen nahm nicht teil), wurden von den Experten der Bundesjugend mehrere Monate zuvor ausgearbeitet und getestet. Sie umfassten nur Teilaufgaben aus dem Leistungsabzeichen der THW-Jugend. Ein Teil der Aufgaben war im Vorfeld bekannt und konnte von den Gruppen geübt werden, ein kleiner Teil jedoch war geheim und musste quasi spontan gelöst werden. Eingearbeitet waren sie in ein kleines Einsatzszenario nach einem Erdbeben in einem fiktiven Land. So mussten unter anderem verschüttete Menschen gerettet und die Wasserversorgung hergestellt werden. Den Wettkampf am Samstag konnte dann die Jugendgruppe aus Leonberg in Baden-Württemberg für sich entscheiden. Noch am Wochenende wurden die Wettkampfbahnen zurückgebaut und der Platz wieder der Stadt Neumünster übergeben.

So ein Jugendlager besteht zumeist aus zwei Faktoren: Zum einen natürlich Spiel und Spaß für die Jugendlichen, zum anderen aber auch ein pädagogischer und THW-spezifischer Teil. Das Lagerleben hatte neben dem Wettkampf und Ausflügen bzw. Besichtigungen im Umland einiges zu bieten. So stand jeder Tag unter einem bestimmten Motto, etwa „Kreativ-Tag“ oder „Sport-Tag“, dem die Workshops des Tages folgten. Die Bandbreite der Workshops reichte daher von Modellbau über Erste Hilfe am Hund bis zu Metallarbeiten bei der Firma Liebherr, die eine Sponsorenfläche vor der Haupthalle belegte. Aber auch Bauchtanz, Lagerfilm Drehen, Meerjungfrau-Schwimmen oder Lager-Flagge-Malen stand auf dem Plan. Zum Berufskunde-Tag präsentierten sich Firmen wie LIDL oder die Telekom auf dem Gelände, aber auch die Hamburger Feuerwehr war mit dem Infomobil angereist. Dazu gab es am vorletzten Tag, dem „Sport-Tag“, noch die Lagerolympiade zu bestehen, ein Wettbewerb in vielen Disziplinen auch für die Gruppen, die nicht am Wettkampf teilnahmen – denn hier ging es um Sport und Spiel.

Abends fanden auf der Bühne der Haupthalle verschiedene Abendveranstaltungen statt, natürlich die Siegerehrungen der Wettbewerbe, aber auch Konzert und Disko waren organisiert worden. Ab 22:00 Uhr sollte dann Nachtruhe herrschen… Sollte. 😉

Das Media Team begleitete das Lager und schickte seine Leute zu Workshops, auf Ausflüge und zu den Funktionern um für Lagerzeitung, Facebook und Internetauftritte zu berichten. Erreichbar waren wir über eine eigene WhatsApp-Nummer. Die dort eingereichten Bilder und Nachrichten fassten wir abends auf Facebook zusammen. Den Bundeswettbewerb begleiteten wir mit bis zu 40 PuMas, die vor allem Fotos und Filme anfertigten.

„Schlechtwetter-Krise“

Ein wichtiger Faktor, mit dem wir uns im Vorfeld beschäftigt hatten war die Krisenkommunikation. Zum Glück waren die von uns ausgefertigten Konzepte im Endeffekt nicht nötig. Dennoch sorgte es für etwas Wirbel, dass die Stadt Neumünster ausgerechnet während der Lagerwoche Probleme mit verseuchtem Leitungswasser hatte. Zum Glück hatte das THW für das Lager eine komplett eigene Wasserversorgung errichtet, die täglich beprobt wurde und daher sicher war. Vorsicht war daher nur an den Wasserhähnen in den Holstenhallen geboten, die an der städtischen Wasserversorgung angeschlossen waren.

Am 10. August kam denn auch wehmütige Stimmung auf, als sich die Jugendgruppen nach und nach auf den Heimweg machten – doch für die Funktioner war das Lager noch nicht vorbei. Der Abbau musste allerdings wesentlich schneller gehen als der Aufbau, da für den Sonntag schon eine andere Veranstaltung auf dem Gelände geplant war. In Rekordzeit wurden unter der Leitung des BR die Installationen der vergangenen Tage abgebaut und das Material wieder an die Ortsverbände zurückgegeben und verlastet. Erstaunlicherweise ging dabei fast nichts verloren und alles fand wieder zu seinem Besitzer zurück.  Auch die Hallen wurden besenrein an die Holstenhallen zurückgegeben. Der blaue Zirkus ist weitergezogen. Heute erkennt man nichts mehr…

Es war für mich und auch für meine Mit-PuMas ein unvergessliches Erlebnis. Aber trotzdem waren wir auch ein bisschen froh, dass es dann nach zwei Wochen wieder vorbei war. Sag zum Abschied leise Mimimi…

Das nächste Bundesjugendlager wird 2019 stattfinden. Der Austragungsort steht noch nicht fest.

Mehr Bilder und Infos findet ihr auf Facebook, auf Youtube und in der Lagerzeitung.

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