Zuckersüßes Wochenende

Eigentlich soll dieser Blog-Artikel nur dazu dienen, meine Fotos zu zeigen, mit denen ich echt zufrieden bin. Aber da ich doch noch irgendwo einen Bildungsanspruch habe (das Studium lässt grüßen), könnt ihr heute lernen, warum das THW doch nicht nur blaues Material hat.

Wer regelmäßiger Leser dieses Blogs ist, wird schon gelernt haben, dass die vom THW „die mit den blauen Autos“ sind. Soweit, so gut. Kommen wir jetzt zu Schritt 2: Das THW hat bisweilen auch Fahrzeuge in Orange (und in Weiß, aber das ist Schritt 3). Woher kommt das?

Hägglunds BV206

Hägglunds BV206

Sofern es sich nicht um Fahrzeuge des alten Katastrophenschutzes handelt, hat es wahrscheinlich mit dem Havariekommando (kurz HK) zu tun. Das HK ist eine Einrichtung des Bundes und der fünf Küstenländer (Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern), die nach dem Pallas-Unglück 1998 gegründet wurde um ein koordiniertes Unfallmanagement für Nord- und Ostsee zu schaffen. Sitz des Kommandos ist Cuxhaven. Zu bearbeitende Teilaspekte einer Havarie sind dabei Brandschutz und Verletztenversorgung, Bergung zur Gefahrenabwehr (Notschlepper), Schadstoffunfallbekämpfung auf See und an der Küste sowie strukturierte Öffentlichkeitsarbeit mit einem Pressebüro. Da das HK vor allem koordinierende Aufgaben hat, wird das nötige Material zur Ölschadensbekämpfung (Punkt 3) in Depots an zwölf Standorten in Norden vorgehalten. Im Fall der Fälle wird das Material vor Ort vom Technischen Hilfswerk zum Einsatz gebracht. In Schleswig-Holstein haben wir dazu noch die Besonderheit, dass auch das Land eigenes Ölwehr-Gerät als Ergänzung zum HK-Gerät angeschafft hat und die Feuerwehren für dessen Nutzung einsetzt.

Geländestapler Moffett

Geländestapler Moffett

„Mein“ Ortsverband Kiel besteht neben den Bergungs- und weiteren Fachgruppen auch aus einer Fachgruppe Ölschaden. Neben den vom THW gestellten Fahrzeugen und Einsatzmittel verfügt diese Gruppe also auch über vom Havariekommando bereitgestelltes Material, gekleidet in reinem Orange. Dazu gehört etwa ein Hochdruckreiniger (nicht so ein kleiner Kärcher, wie ihr ihn von Zuhause kennt), Ölsperren, Pumpen, Auffangbehälter oder auch das schwimmfähige Kettenfahrzeug Hägglunds BV 206. Verlastet sind die Ölbekämpfungsmittel in Containern oder in Gitterboxen auf dem Curtainsider, einer Wechsellader-Plattform mit seitlicher Schiebeplane (eben wie ein Curtain, also Vorhang, an der Seite). Das Hägglunds bewältigt weite Strecken auf einem Tieflader verzurrt.

Genau dieses Spezialfahrzeug kam unter anderem am zweiten Juliwochenende an der Hohwachter Bucht zum Transporteinsatz. Eigentlich als Samstagsübung ab 7:30 Uhr geplant, wurde doch eine Überraschungs-Alarmübung daraus, die bereits am Freitag um 16 Uhr mit dem Treffen im Ortsverband startete. Nach dem Aufrödeln, Packen und Gespanne zusammenkuppeln wurde auf den Bundeswehr-Truppenübungsplatz Todendorf verlegt. Auf der Schießbahn Delta platzierten wir unseren Bereitstellungsraum, d.h. die Fahrzeuge wurden dort abgestellt, Stromversorgung und Licht wurden aufgebaut und ein Verpflegungsplatz wurde eingerichtet (wir verpflegten uns selbst). Abends nach dem Essen galt es die Lage zu erkunden und erste Vorbereitungen zu treffen, wie etwa den Boden für das Dekontaminationszelt vorzubereiten. Übernachten konnten wir glücklicherweise in einem der Kasernengebäude auf dem weitläufigen Gelände.

Eine Aufgabe bei Ölschadensereignissen ist nämlich die Strandreinigung. Dazu werden die Helfer in spezielle Schutzanzüge eingekleidet, komplett mit Gummistiefeln, Schutzmaske und Handschuhen, sodass sie vor den Schadstoffen geschützt sind. Dies geschieht in kleinem Rahmen in einem so genannten Dekon-P-Zelt

Sonnenuntergang über dem BR

Sonnenuntergang über dem BR

(Dekontamination Personen), wo auch die Dauer des Einsatzes, ähnlich wie bei Atemschutzeinsätzen, überwacht wird. Nach Ablauf der Zeit (abhängig von Aufgabe, Wetter usw.) werden die Helfer dort auch ausgekleidet und ihre dekontaminierte Kleidung und Ausrüstung entsorgt. Zuständig dafür ist bei uns federführend die Zweite Bergungsgruppe. Wie (zeit-)aufwändig dieses Verfahren der Auskleidung sein kann, sollte der Samstag zeigen.

Nach dem Aufbau des Zeltes inklusive Umkleidekabine und dem Heranschaffen des Materials (unter anderem mit dem Hägglunds) wurde der schutzbekleidete Strandreinigungstrupp in den Schwarzbereich (also den verschmutzten Bereich im Gegensatz zum sauberen Weißbereich) geschickt. Was die Ausziehhelfer noch nicht wussten: Um die Verschmutzung der Schutzanzüge „authentisch“ darzustellen, wurden die Strandreiniger mit Melasse (Zuckersirup) eingeschmiert. Daher waren Verschmutzungen durch Missgeschicke beim Ausziehen deutlich sichtbar.

Das Ausziehen der Schutzkleidung erfolgt dabei von oben nach unten. Nach dem Abnehmen von Kopfbedeckung und ggf. Brille und Maske wird der Helfer quasi aus dem weißen Übungsanzug herausgeschnitten und der Stoff so gewickelt, dass die äußere Verschmutzung nicht auf die untere Kleidung oder die Haut tropft. Einer der zwei Helfer ist für saubere Partien zuständig, einer für die dekontaminierten Teile der Schutzkleidung, was allein die Koordination und Absprache knifflig macht… *

Dennoch gelang es den Kameraden, alle heil aus dem Schwarzbereich zu empfangen. So konnten am Samstagnachmittag der Rückbau und die Heimfahrt problemlos durchgeführt werden. Gegen 19 Uhr waren im OV die Ausrüstungsgegenstände wieder verstaut, die Fahrzeuge geparkt und die Küche wieder aufgeräumt. Kaputt, aber zufrieden, ging es wieder nach Hause.

Insgesamt waren wir also über 24 Stunden mit ca. 20 Helfern unterwegs um einen klitzekleinen Strandabschnitt zu reinigen. Das zeigt schon sehr deutlich, was für ein Aufwand hinter so einem Einsatz stecken kann. Danke an alle beteiligten Helfer und auch an den Landesbetrieb für Küstenschutz und Nationalparks Schleswig-Holstein (LKN SH), das Übungsort, Finanzierung und Schutzausrüstung sicherstellte.

Ölübung 073 zuschnitt

*Bei größeren Einsätzen kommen dann graue, festere Anzüge zum Einsatz, die in größeren Anlagen (meist von Feuerwehren) vor dem Entkleiden einfach grundgereinigt werden.

Mit Dank an Kai Breker, Gruppenführer FGr Öl, für die kompetente Beratung und Textkorrektur. 🙂

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