Nachtschwärmer wider Willen

Ich muss es ganz ehrlich zugeben: Ich bin abends und nachts wirklich nur sehr ungern alleine in der Stadt unterwegs, ganz egal, welche Stadt. Dennoch ist es zuletzt in einer Woche zwei Mal vorgekommen, dass ich mir am Kieler Bahnhof die Zeit bis zum ersten Nachtbus um kurz nach eins vertreiben musste.

Kiel, Eichhof 079 Dabei bin ich eigentlich ein ganz schöner Schisser, oder, wie man hier wohl sagen würde, ‘ne Bangbüx. Leute mit Hamburg- oder gar Berlin-Erfahrung werden lachen und sagen: Pfff, Kiel! Die klappen doch um acht die Bürgersteige hoch! Aber für mich Kleinstadtgeborene ist das trotzdem ein etwas anderes Pflaster als die Heimat. Dennoch entschied ich mich gegen die Taxe und für das Warten auf den Bus. Und während man so mit offenen Augen im Bahnhof herumwandert oder sich auf eine der Bänke hockt, bekommt man einiges interessantes zu sehen und erwischt sich dabei, wie man versucht, die Geschichten der Vorbeikommenden und Mitwartenden zu ergründen. Das sind dann natürlich eher kleine, feine Beobachtungen, für die man sicher auch eine Portion Fantasie braucht – aber sie helfen mir ungemein, mir die Zeit zu vertreiben und dienen vielleicht auch einmal als Inspiration für Zeichnung oder Comic.

Als ich am 1. Mai aus Hamburg zurück nach Kiel fahren wollte und am Dammtor-Bahnhof auf den anscheinend verspäteten Regionalexpress wartete, guckte ich zunächst etwas mißtrauisch auf die zwei gut gefüllten Jungs, die schon ein bisschen wackelig über den Bahnsteig schlenderten. Am Ende stellten sie sich doch als vollkommen harmlos heraus und freuten sich sehr, als ich ihnen nach einem Blick auf’s Handy verraten konnte, warum und um wie viel sich der Zug verspäten würde, der nicht auf der Anzeige stand. Als der RE dann am Ende doch mit weitaus weniger Verspätung einfuhr, wurde er von lautstarkem Freudengeschrei der Beiden begrüßt. Selten habe ich Leute gesehen, die sich so sehr über einen Nahverkehrszug freuen. Wäre der RE nicht sowieso rot angestrichen, spätestens jetzt wäre er so angelaufen.

In Kiel beim Warten auf den Nachtbus fiel mir dann ein junger Sanitäter auf. Er war noch in Dienstkleidung unterwegs, mit Haixstiefeln, wie wir THWler sie auch tragen, und mit rotoranger Jacke mit schicken silbernen Reflexstreifen. Was mir an ihm wirklich ins Auge stach war denn auch der Helm mit Gesichtsschutz, der mich vermuten ließ, dass auch er beim ersten Mai in Hamburg im Einsatz war. Ich hoffe, er hat dort nichts allzu schlimmes erlebt.

Aber auch an einem ganz normalen Wochentag bzw. einer ganz normalen Wochennacht kann man interessante Zeitgenossen sehen. Da war der Senior mit einer offenbar italienischen Version der „Bunte“ mit einer sehr schönen Frau auf dem Cover, die vermutlich nicht naturblond war. Nachdem er eine Weile auf der Suche nach einem geeigneten Platz gewesen war, las er sehr konzentriert, bis er sich dann auch nach draußen zur Bushalte aufmachte. Dann ein umherstreifendes Bundespolizeipärchen; zwei Herren, wie ich sie mir nicht besser für einen meiner Comics hätte ausdenken können. Einer groß, mit eher hellbraunen oder dunkelblonden Haaren, der andere mit kurzen dunklen Haaren – und ziemlich genau einen ganzen Kopf kleiner als sein Kollege. Das sah schon niedlich aus, als die beiden nebeneinander im Eingang des Bahnhofs standen… Davon abgesehen war ich doch froh und beruhigt, sie umherwandern zu sehen.

Kiel 026Als der Bus dann kam, war ich dann endgültig entspannt, denn nun ging es endlich gen Heimat. Auch meine Mitfahrer boten bisweilen Gesprächs- oder eher Gedankenstoff. So freute ich mich sehr über die junge Frau, die einen Avengers-Comic las und amüsierte mich etwas über den älteren Herren mit weißem Bart und Plattenkoffer, der sich die Fahrt mit Musik vom Discman (!) verschönerte. Nicht zu vergessen auch die aparte Dame, die dezentes anthrazites Leomuster auf Jacke und Leggins wie selbstverständlich mit einer Weste in violett-pink-weißem Schottenkaro kombinierte und dazu stilsicher eine nicht passende Tasche trug. Aber nachts sind ja bekanntlich alle Katzen grau – auch Leoparden…

Aber auch abseits von Bahnhof und Bus kann man bisweilen interessante Szenen sehen. So fuhren im Laufe der Zeit mehrere Streifen der Landespolizei durch den Bezirk, als wären sie auf der Suche nach Arbeit (an diesem Tag übrigens meine Polizeiautosichtungen Nummer fünf bis sieben). Als der Bus dann schließlich unterwegs war, hatte eine Vito-Besatzung augenscheinlich Kundschaft in der Bergstraße ausgemacht. So standen die zwei Beamten mit einem nicht großgewachsenen Herrn um die offene Motorhaube eines 3er BMWs aus den Neunzigern und den Gesichtsausdrücken aller drei Beteiligter nach nahm das Gespräch einen eher unentspannten Verlauf, zeigte der Kunde doch offenbar großes Unverständnis, während seine Gegenüber recht konsterniert auf ihn und das Auto blickten. Zu gern hätte ich hier mal Mäuschen gespielt…

Auf dem letzten Stück von der Bushaltestelle zur Haustür betrachtete ich dann in Allerseelenruhe unsere wegen Asphaltierungsarbeiten abgesperrte Straße – inklusive versperrter Zufahrt zu unserer Anwohnerstraße als auch stillgelegter Bushaltestelle. Nur die Ampeln an der großen Kreuzung zum Westring verrichteten beflissen ihren Dienst. Auch wenn niemand an ihnen vorbeifahren konnte…

Insgesamt kann man jedoch sagen: Unter der Woche ist auch in Kiel nachts tote Hose – zumindest da, wo ich durchmusste. Das könnte mich jetzt natürlich vollends entspannen, aber ich weiß: Ich bin halt ein bisschen ‘ne Bangbüx. 😉

Advertisements

4 Kommentare zu “Nachtschwärmer wider Willen

  1. Ucpho sagt:

    Ich habe auch schon mal eine Nacht vor dem Mannheimer Bahnhof verbringen müssen, weil der Zug erst sehr spät fuhr und kann deine Erlebnisse, sowohl die Neugierde an den Menschen, die Besorgnis ob der Dunkelheit und zwielichtiger Gestalten als auch Freude über Streifenwagen nur nachvollziehen.
    In so einer Nacht am Bahnhof sieht man mehr Streifenwagen als sonst in einer ganzen Woche!

    Viele Grüße einer fleißigen Leserin

    • nessi6688 sagt:

      Hei!
      Danke für Deinen Kommentar. 🙂
      Ja, das stimmt, man sieht viel Blaulicht an so einem Abend – einen Großteil hatte ich an diesem Tag aber tatsächlich „im Hellen“ schon gesehen – in der Menge kommt das echt selten vor. xD
      LG

  2. PoetryCop sagt:

    Das ist ja interessant, dass es in Kiel so entspannt zugeht. Und das, obwohl ihr ja nicht wesentlich kleiner seit als Münster. Hier ist es aber auch eher nur am Wochenende, mittwochs und vor Feiertagen hektisch im Nachtdienst. Und gerade das Bahnhofsmilieu macht uns da viel Arbeit. 😉

    • nessi6688 sagt:

      Naja, das ist auch nur so mein subjektiver Eindruck. Da lungern zwar auch viele komische Leute rum, aber ich habe, wie gesagt, persönlich noch nie erlebt, dass da was wäre. Die Schwerpunkte liegen in Kiel eher in der Bergstraße (Kneipen- und Feiermeile) sowie in Gaarden und Mettenhof, den Asi-Stadtteilen…
      Aber wie gesagt, Deine Kieler Kollegen werden Dir da wahrscheinlich was ganz anderes erzählen als ich Zivilist… 😉

Hat es Dir gefallen oder nicht? Schreib was dazu!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s