Quod non est in actis, quod non est in mundo* (Teil 2)

Nach dem Besuch des Polizeimuseums (siehe Teil 1) und einer Essenspause an der Binnenalster machte ich mich also auf den Weg zur Reeperbahn zur Kieztour.

Nach und nach trudelten alle Teilnehmer ein und sammelten sich im Besprechungsraum der Davidwache im ersten Stock. Eine andere Dame und ich stellten dabei die einzigen Zivilistinnen unter einer Gruppe von Polizisten und Polizeistudierenden, was aber glücklicherweise nicht weiter thematisiert wurde.  😉 Nach einer Stärkung mit leckeren Hot Dogs, Gummibärchen und Getränken begann der Abend mit einer Einführung im Stile einer Einsatzbesprechung zu Dienstbeginn. Szenario: Freitagabend, 23 Uhr, Einweisung eines Unterstützungszuges für das PK 15.

Hamburg Polizeimuseum GdP-Kieztour 033Der Name Davidwache, fälschlicherweise auch oft als Davidswache (mit Fugen-s) bezeichnet, bezeichnet eigentlich nur das Gebäude des Hamburger Polizeikommissariats 15 (kurz PK 15, früher Polizeirevier 15) und ist besonders durch Film und Fernsehen zum bekanntesten Polizeirevier der Hansestadt und auch darüber hinaus geworden. Es war zum Beispiel in den ersten Folgen des „Großstadteviers“ zu sehen und auch nach dem Umzug in ein fiktives Reviergebäude hing bis zum letzten Umbau eine Zeichnung der Davidwache immer gut sichtbar im Bild.

Die Wache befindet sich auf dem Kiez im Stadtteil St. Pauli an der Reeperbahn, Ecke Spielbudenplatz/Davidstraße. Das Gebäude wurde von Fritz Schumacher geplant und 1914 fertiggestellt, der Bildhauer Richard Kuöhl gestaltete die Schmuckkeramik. Der denkmalgeschützte Altbau wurde 2004/2005 rückseitig um einen modernen Anbau erweitert, in dem die Räume der Kriminalpolizei untergebracht sind. Das Reviergebiet ist mit nur 0,92 km² und etwa 14.000 Einwohnern das kleinste Europas – aber sicher nicht das mit der wenigsten Arbeit. (Mehr Infos hier.)

Die an diesem Abend vorgestellte Form der Unterstützung für die Wochenendnächte war denn auch irgendwann dringend nötig. Dennoch gibt es erst seit dem Jahr 2004. Zuvor mussten die Ereignisse der wilden Nächte mit zwei Streifenwagen, Zivilfahndern und ständiger Unterstützung durch die Kolleginnen und Kollegen der Polizeikommissariate 14, 16 und 21 – häufig genug auch der PK 17, 25, 23 gestemmt werden. Ohne diese zusätzlichen Kräfte hätten die Lagen sehr häufig nicht angemessen bewältigt werden können, wie Gerhard Kirsch, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und „Fremdenführer“ des Abends, in seiner Einleitung berichtet.

Als es dann 2004 im Sommer mit der Unterstützung begann (zunächst mit einem, später mit zwei Zügen am Wochenende), mussten die Kräfte erst einmal an die Aufgabe herangeführt werden. Diesen Auftrag bekam Kirsch von dem damaligen Revierführer – das hieß dann vier Wochen hintereinander am Donnerstag, Freitag und Samstag Nachtdienst. Dies war das Ausgangsszenario, unter dem unsere „Einsatzbesprechung“ stattfand. Und das Schauspiel war beeindruckend. Man fühlte sich richtig in die Situation hineinversetzt, zumal der Einsatz bei der Bereitschaftspolizei auf alle der anwesenden Polizeistudenten und –studentinnen zukommen wird. „Kirsche“ benannte den Zugführer und die Gruppenführer, teilte sie Einsatzabschnitten zu und vergab Aufträge.

Mir persönlich als Mitglied von KGgP fiel dabei die Ansage zum Umgang mit Widerständen auf. Es kam ihm darauf an, nicht mit den Randalierern zu diskutieren, aber auch nur solange äußeren Zwang anzuwenden, bis der Widerstand gebrochen ist. Zudem müssten solche Geschehnisse hinterher sehr ausführlich dokumentiert werden. Dazu ist es aber auch wichtig, dass man bei etwa 3000 Körperverletzungsdelikten im Jahr als Team zusammenhält und sich auf seine Vorgesetzten verlassen kann. Ein wichtiges Element im neuen Konzept sind auch die sog. „Milieuaufklärer“, die die anderen Kräfte über die Lage informieren.

Gerhard Kirsch beim Erzählen

Gerhard Kirsch beim Erzählen

Nach diesem interessanten und anschaulichen Start ging es dann raus auf die Straße zu den schönen und weniger schönen Ecken des Kiezes. Dabei konnte er natürlich auch viele lustige, aber auch ernste Begebenheiten zum Besten geben. Als Zivilist ist es spannend zu erfahren, was sich hinter den Fassaden der tagsüber doch eher ruhig anzusehenden Gegend versteckt und was dort alles so passiert bzw. passiert ist. Da gibt es Zuhälterkneipen, Billigabsteigen, Nepperbars und Transsexuelle, die in der Talstraße anschaffen, und auch Obdachlose, Randständige genannt. Doch auch alle diese Leute, betont Kirsch, sind Menschen und gehören daher respektvoll behandelt – ein Credo, dass ich nach allen von ihm berichteten, teilweise gefährlichen und schrecklichen Erlebnissen, sehr bewundernswert finde. Schade, dass der Respekt von der Gegenseite nicht immer erwidert wird. Dennoch gab es auch Situationen, wo man sich auf das Ehrenwort des Gegenübers verlassen konnte. Und es gibt auch viele schöne Ecken auf dem Kiez und Lokale, in die man guten Gewissens gehen kann. So hat auch dieser bisweilen verrufene Stadtteil seine ganz eigenen Probleme – aber eben auch seinen ganz eigenen Charme. Mit einem Bier – oder, in meinem Fall, mit einer Cola – klang der unterhaltsame Abend dann im Silbersack aus.

Achja, eins noch: Vergesst niemals euer Handfunkgerät im Puff. 😉

Hamburg Polizeimuseum GdP-Kieztour 038

Auf der Großen Freiheit

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Beteiligten bedanken, die das möglich gemacht haben!

*Natürlich ist die lateinische Version nicht ganz korrekt, aber es handelt sich um ein Zitat. 😉

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Ein Kommentar zu “Quod non est in actis, quod non est in mundo* (Teil 2)

  1. […] Im zweiten Teil meines Hamburg-Berichts lest ihr dann, wie die Tour über den Hamburger Kiez so gelaufen ist. […]

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