Quod non est in actis, quod non est in mundo* (Teil 1)

… oder frei übersetzt: Was nicht in den Akten steht, ist auch nicht passiert. Daher folgt nun im ersten Teil meines Hamburg-Berichts der Besuch im neuen Polizeimuseum und dann im zweiten Teil die Erlebnisse auf der GdP-Kieztour.

Aber wie kam es überhaupt dazu? Vor ein paar Wochen wurde auf der Facebook-Seite der GdP eine Kieztour, veranstaltet durch die Junge Gruppe, angekündigt, bei der der Landesvorsitzende Gerhard Kirsch, der einige Jahre selbst auf der Davidwache als Dienstgruppenleiter gearbeitet hat, junge Polizeianwärter über den Kiez führen sollte. Mehr im Scherz kommentierte ich dazu, ob nicht auch ich als Mitglied von „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“ als Gast teilnehmen könne. Zu meiner Überraschung und Freude wurde das positiv aufgenommen, sodass ich mich prompt per Mail anmeldete. Da so ein Schleswig-Holstein-Ticket nun auch nicht gerade günstig ist, beschloss ich dann, die Fahrkarte und den Tag in Hamburg voll auszunutzen und dem Polizeimuseum in Alsterdorf vorher einen Besuch abzustatten.

Das Museumsgebäude

Das Museumsgebäude

Das 2014 für die Öffentlichkeit eröffnete Museum ist in einem Gebäude auf der Liegenschaft der Hamburger Polizeiakademie untergebracht. Das Gelände war 1936 als Wehrmachtskaserne erbaut worden, ab 1938 wurde der heute museal genutzte Bau als Wirtschafts- und Kantinengebäude genutzt. 1945 übernahmen die Britischen Besatzer das Areal und nutzen es militärisch und zivil, bevor es 1957 an die Hamburger Polizei übergeben wurde, die es seitdem wieder als Wirtschafts- und Kantinengebäude nutzte, bis 2010 erstmals die Ausstellung im Dachgeschoss der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Seitdem lief der Umbau der unteren Geschosse, bis das Museum nun im Frühjahr 2014 offiziell für alle eröffnet wurde.

Auf dem Gelände der heutigen Polizeiakademie Hamburg ist das Museum recht gut beschildert; auch die Wache am Tor, an der alle Besucher mit harmloser Ausweiskontrolle vorbeimüssen, weist einen gut ein und versorgt mit Flyern. Der Eingangsbereich des Museums mit Kasse, Präsentation des kaufbaren Merchandises, Sitzgelegenheiten und Schließfächern präsentiert sich im klaren Stil des aktuellen Corporate Designs der Hamburger Polizei in den Farben blau und weiß. Dies setzt sich auch nahtlos in der Ausstellung fort. Man setzt optisch auf klare Strukturen und einheitliches Design. Leider darf man die gelungene optische Gestaltung nicht fotografieren, sodass ihr hier jetzt auf meine Beschreibungen vertrauen müsst. Was ihr ja sicher tut. 😉

Edit: Das Polizeimuseum hat mir freundlicherweise Bildmaterial zur Verfügung gestellt – vielen Dank dafür!

Im Hochparterre findet sich der erste historische Teil der Ausstellung. Der hier behandelte Zeitraum von 1814 bis 1962 ist in kleinere Zeitabschnitte (1814 – ‘71, 1871 – 1914, 1914 – ‘33, ‘33 – ‘45, ‘45 – ‘62) unterteilt, die jeweils an einem „Tisch“ behandelt werden, der wiederum aus mehreren Elementen besteht. So finden sich Originale, wie etwa „Zeitleisten“ von Bewaffnung und Kopfbedeckungen aber auch Einzelexponate wie eine Feuerlöschpumpe (früher war die Brandbekämpfung der Polizei unterstellt – daher das alte Wort „Feuerschutzpolizei“). Empfindliche Originaldokumente werden durch Abdeckungen vor zu viel Licht geschützt. Begleitet werden die Exponate und Dokumente, zu denen auch Fotos zählen, durch Verfassertexte und Zitate (transskribiert und faksimiliert), die das Gesehene einordnen und den Besucher durch die Geschichte führen. Dazu sind sie auf angenehm indirekt beleuchteten Boxen angebracht oder hängen auf Tafeln von der Decke. Es ist sehr interessant zu sehen, wie sich die Struktur der Polizei bis zu ihrem heutigen Auftreten immer und immer wieder verändert hat. Wichtiger Faktor war dabei die zunehmende Professionalisierung bzw. Spezialisierung der Ermittler, etwa durch Einführung der Kriminalpolizei, die im Laufe der Zeit mit immer mehr neuer Technik zur Verbrechensbekämpfung ausgestattet wurde. Ein thematischer Schwerpunkt dieses ersten Raumes liegt naturgemäß bei der Zeit des Nationalsozialismus‘, der ausführlich behandelt wird. So wird beispielsweise sowohl ein treuer Nazi-Kader als auch ein Sozialdemokrat in Reihen der Hamburger Polizei portraitiert. Auch die Prozesse gegen das 101. Reserve-Polizei-Bataillon, dessen Angehörige im Krieg an Exekutionen von Juden beteiligt gewesen waren, wurden mit Fotos und Reproduktionen von Dokumenten dargestellt. Auch der Wiederaufbau nach dem Krieg bietet interessante Aspekte, so wird etwa die erste Frau im Polizeidienst, Rosamunde Pietsch, vorgestellt.

Ein schmaler Zwischenraum widmet sich allein dem Treiben auf der Reeperbahn in den 60er Jahren, dokumentiert durch eine Projektorpräsentation und ausgewählten Fotos. Von dort aus gelangt man in eine voll ausgestattete Amtsstube der 60er Jahre, komplett mit Uniformjacke, Zelle (mit Originaltüren aus dem PR 16) und funktionierendem Radio, aus dem bei meinem Eintreten sogar Elvis lief… Das war wirklich spannend zu sehen, auf welche Details man hier geachtet hat, sei es bei der Ausstattung des Schreibtisches mit allerlei Utensilien oder mit Dingen wie dem Schlüsselbrett für die Streifenwagen, komplett mit alten VW-Schlüsseln.

Revierwache

Die Revierwache – nur zu besonderen Anlässen wie der Museumsnacht besetzt. (Quelle: Polizei Hamburg)

Der dritte Raum deckt den Zeitraum von 1962 bis heute ab, wobei die Geschehnisse der Flutkatastrophe 1962 zwei Nebenräume belegen. Hier kann man eine sehr ausführliche Zeitleiste der Geschehnisse finden, die einen die Ereignisse nachempfinden lassen, unterstützt vom abgedunkelten Licht. Besonders beeindruckend sind hier die Messleisten, die anzeigen, wie hoch das Wasser in dieser kalten Februarnacht wirklich stand. Zugleich rahmen sie ein altes Schlauchboot der WSP ein. Eindringlich sind auch die Tondokumente, bei der sich Zeitzeugen, in diesem Fall natürlich Polizeibeamte, an ihren Fluteinsatz erinnern (Diese Methode der Geschichtswissenschaft nennt sich „Oral History“. Dabei sprechen die Zeitzeugen möglichst frei und werden nicht durch Fragen beeinflusst. Es handelt sich also nicht um ein Gespräch.). Leider erschwert der offene Durchgang als Lärmquelle bisweilen das Zuhören ein wenig.

Der zweite große Raum ist ähnlich aufgebaut wie der erste. Großen Themen der Zeit von 1962 bis heute sind etwa die Studentenbewegung, der Deutsche Herbst, die Brokdorf-Proteste und die Besetzung der Hafenstraße. Passend dazu finden sich, chronologisch angeordnet, Helme, Uniformteile, Schutzausstattung und Schlagstöcke der Bereitschaftspolizei an einer Zimmerseite, eingerahmt von einem Hamburger Gitter und einer Zusammenstellung an beschlagnahmten Wurfgeschossen. Neben dem bekannten „Molli“, dem Molotow-Cocktail, finden sich hier auch mit Farbe gefüllte Eier. An der gegenüberliegenden Wand finden sich kleine Bildschirme mit Fotoserien zu Themen wie Fahrzeugen oder Frauen bei der Polizei. Eine der kurzen Wandseiten bietet eine Sammlung an Blaulichtern und Blaulichtbalken. In der Mitte finden sich bei diesen historischen Schwerpunkten auch weitere Einsatzmittel, etwa ein alter Stempelkasten für Unfallskizzen (mit

Nessi hat natürlich auch gestempelt.

Nessi hat natürlich auch gestempelt.

neuen und Papier zum Selberstempeln!) oder ein Etui mit Fahndungsraster (also die heutigen Taschenkarten) zur Fahndung nach RAF-Mitgliedern. Der Ausstellungsteil schließt mit einem Blick in die heutige Zeit (Wasserschutzpolizei, WM 2006, Wirtschafts- und Computerkriminalität) und einer Prognose auf zukünftige Herausforderungen an die Hamburger Polizei.

Im ersten OG wird es dann wissenschaftlich. Hier geht es um die Spezialisten bei der Polizei und ihre Arbeitsmethoden. Die Spurensicherung in verschiedenen Situationen wurde auf Stellwänden dargestellt, mit den entsprechenden Spurenträgern. Ein wie ich fand sehr cooles Detail waren hier die beigestellten Spurensicherungskoffer, in deren aufgeklappten Deckeln Bildschirme mit kleinen Infofilmchen darauf untergebracht worden sind. Dargestellt wurden ein Umweltdelikt, ein Mord, ein Einbruch und ein Verkehrsunfall, bei denen jeweils das Vorgehen bei der Sicherung und die besonderen Merkmale gezeigt wurden. Auf der Rückseite der Stellwände wurden dann die gesicherten Spurenträger wie Fingerabdruck, DNA-Probe oder Faserspur ausgestellt und erläutert. Weitere Themen im Raum waren die Daktyloskopie, also „das mit den Fingerabdrücken“, wie eine Besucherin erklärte, Blutgruppenserologie, aber auch Fotografie/Grafik

Der PC zum Phantombildbasteln (Quelle: Polizei Hamburg

Der PC zum Phantombildbasteln (Quelle: Polizei Hamburg)

und das Erstellen von Phantombildern. Mithilfe eines Computerprogramms konnte man hier ein eigenes Phantombild erstellen und sich selbst per Mail zusenden lassen – leider ist bisher keine Mail bei mir angekommen. 😦 Sonst finde ich das nämlich eine großartige Idee, das Basteln hat wirklich Spaß gemacht. Ein weiteres wichtiges und auch aktuelles Thema ist die digitale Kriminalität, hier vertreten durch Skimming oder Manipulation von Bankomaten. Daher ist auch die Forensische Informations- und Kommunikationstechnik ein wichtiges Ermittlungsinstrument das gezeigt wurde. Aber auch die klassischen Ermittlungsmethoden wie Toxikologie und Ballistik hatten ihren Platz.

Im zweiten Raum konnte man mithilfe von Akten und Unterlagen selbst zum Ermittler werden und am Ende sein Ergebnis kontrollieren. Dazu war hier die Ausstattung eines Tatortermittlers ausgestellt – inklusive Ganzkörperkondom aka Schutzanzug. Raum 3 zeigte eine historische Kamera und Ausrüstung des Erkennungsdienstes. Erstaunlich und gut, dass das erhalten wurde!

Von hier aus ging ein Schlenker des Weges in das Dachgeschoss, wo historische Kriminalfälle Hamburgs nachgezeichnet wurden. Aus Jugendschutzgründen wird hier der Zugang ab 14 Jahren empfohlen. Das ist dann tatsächlich auch der einzige Bereich des Museums, in dem es keine Aktionselemente für kleine Besucher gibt – zudem können die Kids eine kleine Ermittlungstour durch die Ausstellung unternehmen, bei der sie Fragen beantworten müssen bzw. können.

Im obersten Stockwerk findet sich in der Tat eine interessante Auswahl an Kriminalfällen, das reicht von eher lokal interessanten Ereignissen wie einem Apothekenüberfall bis hin zu Ereignissen, die bundesweit durch die Presse gingen – wie etwa die Hitlertagebücher (inkl. der „originalen“ Fälschungen!) oder der Kaufhauserpresser Dagobert, der aus dem grünen Bakelit-Telefon mit dem Besucher „spricht“. Durch die jeweils kreisförmige Anordnung der Themeninseln wird man gut durch die Fälle geleitet und kann sie so nachvollziehen. Tafeln und kleine Kärtchen liefern die Infos zu den Exponaten.

Zurück im 1. OG geht es weiter mit dem Bereich zur Prävention und zwei kleinen Räumen. In einem findet sich ein halber Streifenwagen, der aufwendig mit einem Kran in das Gebäude gehievt werden musste. Dass es sich dabei um das modernste Fabrikat aus dem Hause Mercedes handelt ist dem Umstand geschuldet, dass zwei dieser Fustrkw auf Einsatzfahrt miteinander kollidiert waren. Das mag mancher peinlich finden, doch so hatte es dennoch etwas Gutes. 🙂 Es ist auf jeden Fall sehr cool, sich in den Streifenwagen setzen zu können und am Alarmdrehzugschalter rumzuspielen! Genauso wird es sicher mit dem Hubschraubercockpit sein, dass sich im Raum gegenüber findet, aber noch nicht zum Erklettern freigegeben ist.

Abgeschlossen wird die Ausstellung von einem Raum zur Reflexion. Hier findet sich ein Regal mit Exponaten rund um die Polizei, seien es CAM01580Gewerkschaftstassen oder Fußballschals. Dazu finden sich Zitate mit gängigen Vorurteilen über die Polizei und ihre Arbeit. Ein Laufband an der Wand zeigt, wie vielfältig das Berufsspektrum in der Behörde wirklich ist. Zum Schluss kann sich auch der Besucher hier einbringen und seine Gedanken zur wirklich interessanten Frage „Wie wäre die Welt ohne Polizei?“ formulieren. Da konnte ich es natürlich nicht lassen und etwas dazu schreiben – natürlich nicht ohne Verweis auf KGgP. 🙂

Fazit: Mir hat das Museum wirklich außerordentlich gut gefallen. Das liegt natürlich daran, dass es zwei meiner Interessen abdeckt (Geschichte und Polizei), aber auch an der guten Umsetzung. Wer sich für die historische Polizeiarbeit interessiert, wird sehr ausführlich, aber auch übersichtlich und anschaulich informiert, mit vielen Bildern, Texten und Exponaten. Das setzt sich im zeitgeschichtlichen und „aktuellen“ Teil nahtlos fort. Zudem gibt es viele Aktionselemente für Groß und Klein und Einiges zum Mitdenken und Mitraten.

Einen tollen Service bieten auch die ehrenamtlichen Helfer des Museums, wie ich vermute meist ehemalige Polizeibeamte, die in den Räumen als Ansprechpartner umherwandern und einen auf so manches, was man bisher noch nicht entdeckt hatte, hinweisen. Zudem sind sie ganz tolle Erklärer!

Einziges kleines Manko für mich ist wirklich das Fotografierverbot (denn viele Dinge hätte ich sehr gut für meine Comics verwenden können), aber das ist wirklich mein ganz spezielles Problem und daher Jammern auf hohem Niveau.

Daher: Unbedingte Besuchsempfehlung!

flyer ehrenamtliche zuschnitt

Ausschnitt aus dem Ehrenamtsflyer

Alle Infos zum Polizeimuseum findet ihr hier.
Außerdem kann man sich ehrenamtlich für das Museum engagieren, schickt einfach eine Mail an polizeimuseum@polizei.hamburg.de

Danke an Inse Leiner vom Polizeimuseum für das Bereitstellen der Bilder und den netten Kontakt!

Im zweiten Teil meines Hamburg-Berichts lest ihr dann, wie die Tour über den Hamburger Kiez so gelaufen ist.

*Natürlich ist die lateinische Version nicht ganz korrekt, aber es handelt sich um ein Zitat. 😉

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5 Kommentare zu “Quod non est in actis, quod non est in mundo* (Teil 1)

  1. Rolf B. Sievers sagt:

    Es ist eine fundierte und spannende Darstellung der Historie und der einzelnen Präsentationen des Polizeimuseums. Respekt. Kleine Anregung: In der Überschrift müsste es heißen: „Quod non est in actis, non est in mundo!“ (= in der Welt). Beste Grüße Rolf S.

    • nessi6688 sagt:

      Hallo Rolf!
      Danke für Deinen Kommentar, das Lob freut mich sehr! 🙂 Es hat auch wirklich Spaß gemacht im Museum!
      Ich habe mir beim Rundgang auch das Notizbuch vollgeschrieben, sonst hätte ich das meiste gar nicht mehr erinnert.
      Danke auch für Deine Anmerkung – ich habe das gleich mal korrigiert.
      LG, Nessa

  2. […] dem Besuch des Polizeimuseums (siehe Teil 1) und einer Essenspause an der Binnenalster machte ich mich also auf den Weg zur Reeperbahn zur […]

  3. Plitti sagt:

    Hallo, wenn Du dich für Geschichte und Polizei interessierst kann ich Dir nur die Ausstellung „Polizei, Verwaltung, Verantwortung“ über das Wirken der Ordnungspolizei im NS im Wehrkreis VI empfehlen. Dafür muss es Dich jedoch ins westfälische Münster in den Geschichtsort Villa ten Hompel verschlagen 😉
    http://www.muenster.de/stadt/villa-ten-hompel/
    Vielen Dank für den spannenden Bericht!

    • nessi6688 sagt:

      Oh, das klingt in der Tat spannend! Eine ähnliche Ausstellung tourt auch in Niedersachsen durch die Inspektionen. Ich habe es in meiner Heimat-PI natürlich nicht geschafft, mal hinzugehen…
      Und Münster liegt im Moment auch nicht auf meinen Routen (auch wenn das grundsätzlich eine Reise wert wäre).
      Aber vielen Dank für den Tipp – vielleicht sind ja andere Leser interessiert und haben Gelegenheit dazu. 🙂

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