Schulbesuch

Dass ich mal früh um vier aufstehen würde, um eine Bahnreise in den Westen der Republik zu unternehmen, hätte ich auch nie gedacht. Aber dieses Angebot konnte ich auf keinen Fall ausschlagen: Ein zweitätiger Besuch im Standort des Landespolizeiamtes für Ausbildung, Fortbildung und Personalwesen in Brühl (Nordrhein-Westfalen).

Was war passiert?

Im Mai flatterte eine Mail in mein Postfach: Ein Beamter, der im LAFP arbeitet, war auf meine Bilder gestoßen und fragte, ob ich auch für ihn Bilder anfertigen könnte – als Deko für die Dienststelle. Da konnte ich natürlich nicht nein sagen und so entstanden im Laufe der Zeit vier Motive nach Fotos aus dem Ausbildungsbetrieb. Als kleines Dankeschön, zum Sammeln neuer Motive und zum möglichen Anschub neuer Projekte wurde ich dann netterweise zum Schnuppern in den Ausbildungsbetrieb eingeladen. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme! Und nun hatte es endlich geklappt. 🙂

Nach einer doch recht langen und vor allem frühen Bahnfahrt erreichte ich um kurz vor elf Uhr das beschauliche Brühl, das „außer dem Schloss nicht viel zu bieten“ hat, wie mir von meinem Gastgeber Klaus fachkundig mitgeteilt wurde.  Dafür ist das Schloss mit Namen Augustusburg wirklich schön und zusammen mit den im Stil des Barocks angelegten Gärten im Sommer sicher mal eine Reise wert.

„Der Kölner Erzbischof Clemens August I. von Bayern (1700–1761) aus der Dynastie der Wittelsbacher ließ an der Stelle der Ruinen das Schloss Augustusburg erbauen, (…) wobei die Fundamente des Vorgängerbaus für das neue Schloss mitbenutzt wurden. (…) Ab 1728 erfolgte die weitere Ausstattung des Neubaus durch den Münchner Hofbaumeister François de Cuvilliés, der die Fassaden und die Paradezimmer im Stil der Régence und des Frührokokos gestaltete. (…) Das Schloss Augustusburg war als reines Jagd- und Sommerschloss konzipiert und als solches nur vier bis sechs Wochen des Jahres vom Kurfürsten bewohnt.“ (Quelle)

Da diese Stippvisite aus saisonalen Gründen nur kurz ausfiel, machten wir uns recht fix auf den Weg zur Liegenschaft, die nicht weit vom Schloss entfernt war.

„Die Aufgaben des LAFP werden insbesondere in § 13b des Polizeiorganisationsgesetzes (POG) beschrieben. Mit ca. 1.200 Beschäftigten ist es zuständig für die Ausbildung und Fortbildung der Polizei, soweit die Ausbildung nicht von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung oder den Kreispolizeibehörden als Ausbildungsbehörden wahrgenommen werden. Daneben führt das LAFP die Aufsicht über die Kreispolizeibehörden in allen dienstrechtlichen Angelegenheiten. Der Sitz des LAFP befindet sich in Selm – Bork, weitere Standorte befinden sich in Brühl, Linnich, Neuss, Münster und Schloß Holte – Stukenbrock.“ (Quelle)

Es gibt 5 Abteilungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, z.B. Abteilung 2 in Neuss für Kriminalpolizeiliche Fortbildung, dazu dann 3 Ausbildungsdezernate (14, 24 und 44). Im Dezernat in Brühl gibt es derzeit 6 Modulgruppen, die zusammen rund 400 Studenten ausbilden, landesweit sind es etwa 1400. Die Liegenschaft in Brühl teilt sich das LAFP unter anderem mit der Kölner TEE und dem SEK.

Auf das allgemeine freundliche „Hallo!“, „Wer bist denn Du?“ und „Ah, Du bist das!“ folgte dann ein kleiner Rundgang über das Gelände mit ersten Fahrzeugfotos – leider im leichten Niesel – und ein leckeres Mittagessen im Bistro der Kantine. Es war für mich schon lustig, als eine der wenigen zivil gekleideten Personen inmitten von uniformierten Polizeistudierenden zu sitzen. Ich kam mir ein bisschen vor wie ein Alien…

Gestärkt und nach einem schönen Gespräch mit Beamten einer Leitstelle, die zur Fortbildung in Brühl weilten, machten wir uns auf in den Keller eines Neubaus, in dem zur Übung für die Studierenden Tatortwohnungen eingebaut sind. Die Wohnungen sind voll ausgestattet, wobei die Wände immer nur halb hoch sind, sodass aus dem Nebenraum oder ganz von „außen“, aus einem Vorraum, die Geschehnisse verfolgt werden können. Gerade waren zwei Studenten damit beschäftigt, in einer Wohnung spuren zu sichern, in der eine Frau, dargestellt von einer Rollenspielerin, mit einem Schlagstock angegriffen worden war. Dabei galt es, zwei wesentliche Dinge zu beachten: Möglichst genau und spurensichernd zu arbeiten und dabei die Dame angemessen zu betreuen und zu befragen.  Alles, was die beiden Jungs taten, wurde dabei sowohl von ihren Kommilitonen als auch von zwei Ausbildern genau beobachtet und hinterher in einer Rückmelderunde sehr ausführlich besprochen, um auf mögliche Fehler und Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen. Insgesamt sind die Rollenspiele ein wesentlicher Teil der Ausbildung um die Kommissarsanwärter auf ihre späteren Aufgaben vorzubereiten.  Das umfasst nicht nur den Bereich der Spurensicherung, sondern auch alle anderen Bereiche.

Danach ging es in einen der Schießstände, wo ein anderer Kurs gerade das Schießen auf Tiere trainierte, das 90 bis fast 100 Prozent aller polizeilichen Schusswaffengebräuche in NRW ausmacht (und sicher auch im Rest der Republik). Dabei schießen die Anwärter aus verschiedenen Entfernungen sowohl auf Stand- als auch auf bewegte Bilder. Mehr zum Thema sollte ich am folgenden Tag erfahren. Bevor wir uns jedoch wieder auf den Weg ins Büro machten, bekam ich noch eine ganz besondere Gelegenheit: Auch ich durfte mal mit der P99 auf die Leinwand schießen. Unter fachlicher Anleitung von Hauptkommissarin „Brilli“ schlug ich mich dann aus 6 Metern auch nicht ganz so miserabel, wie ich zuvor befürchtet hatte…  An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön! Das war wirklich eine tolle Erfahrung, die mir bewusst gemacht hat, wie viel Wucht so ein Schuss doch hat. Hinterher war ich happy und zittrig zugleich…

Der erste Tag im LAFP endete dann unerwartet noch mit etwas Action: Zwei Ausbilderinnen hatten im Nebenbüro eine Einsatztechnik (ET) üben wollen – wobei sich eine der beiden unglücklicherweise das Schlüsselbein brach, was noch einen RTW-Einsatz der benachbarten Feuerwache Brühl nach sich zog, die dementsprechend schnell vor Ort waren.  „Na, habt ihr wieder mit dem Schlagstock geübt?“ – „Nee, diesmal nicht…“ Die Kollegin war am gleichen Abend schon wieder zuhause und wird noch diese Woche operiert – gute Besserung an dieser Stelle! Die „Auslöserin“, die gar nichts dafür konnte, war unglaublich zerknirscht und wurde erst mal mit Kaffee und Naschkram nachbetreut. Auch ihr alles Gute!

Der lange Tag endete dann aber doch noch ganz entspannt bei Klaus daheim, der leckere Burger briet und Spannendes unter Interessantes zu erzählen hatte – und, nicht zuletzt, seine Polizei- Polizeiauto- und Playmobil-Sammlung zeigte, die wirklich beeindruckend ist (Nein, ich habe nichts mitgenommen, obwohl ich zwischen den Regalen meinen Schlafplatz hatte. 😉 ).

Der nächste Tag begann ähnlich früh wie der vorherige. Schon um halb sechs machten wir uns auf ins LAFP um dort zu frühstücken. Nach einer halben Stunde Fahrt und einem kurzen Abstecher ins Büro konnte ich mich an der reichhaltigen Auswahl des Frühstücksbüffets der Kantine erfreuen – es war viel, lecker und dazu noch sehr günstig. Erstaunlich! Danach bekam ich die Gelegenheit, einigen Leuten meine improvisierte Mappe (der Großteil der Bilder schwirrt noch anderswo rum) zu zeigen und so vielleicht ein paar Aufträge anzuschieben. Mal schauen, was daraus wird. 🙂

Da uns an dem Tag die Sonne lachte,  nutze ich die Gelegenheit, nochmals Fotos auf dem Gelände und von einigen Fahrzeugen zu machen, bevor Klaus dann um 10 Uhr in seinem Kurs 23 Unterricht halten musste. Unterstützt wurde er dabei von seiner Kollegin Tanja, die ich irgendwie auch sofort in mein Herz geschlossen habe – wie fast alle Leute, die ich dort traf. Das muss ein Phänomen der rheinischen Gastfreundschaft sein. 🙂 Thema war, wie in Brillis Gruppe am Tag zuvor auch, das Schießen auf Tiere. Interessant war, dass das, wie oben schon erwähnt, zu fast 100 Prozent der einzige Grund ist, die Waffe zu verwenden. Dabei gibt es verschiedene Gründe, warum ein Schuss auf ein Tier nötig sein kann. Sei es, um aggressive Tiere auszuschalten, oder kranke (Tollwut) und verletzte Tiere (nach Unfall) zu erlösen. Dabei ist der Einsatz der Schusswaffe, wie in allen anderen Situationen auch, immer als das letzte Mittel anzusehen, denn auch hier gilt das Tierschutzgesetz. Auch sollte erst einmal versucht werden, die für die Tiere Zuständigen zu erreichen, also den Jagdausübungsberechtigten o.ä., sofern kein sofortiger Handlungszwang vorliegt. Erkennt man etwa einen Fuchs als tollwütig, ist er sofort zu töten, damit er keinen Schaden mehr anrichten kann, indem er andere Tiere oder gar Menschen ansteckt und noch größere Gebiete verseucht. Dabei sollte so vorgegangen werden, dass dem Tier unnötiges Leiden erspart wird.

Dabei war es für mich, abgesehen vom Thema, auch interessant zu sehen, wie wenig sich der theoretische Unterricht in seinem Aufbau von dem in der Uni oder im THW unterscheidet. Während die Lehrenden vorne ihren Vortrag halten, begleitet von einer PowerPoint-Präse, sitzen die Schülerinnen und Schüler mehr oder weniger aufmerksam in den Reihen und daddeln mit ihren Smartphones (in diesem Fall jedoch berechtigt, galt es doch, die erreichte Note einer Hausarbeit zu erfahren. Ich weiß, wie ihr leidet…).

Um das in der Theorie Gelernte auch praktisch umzusetzen, ging es hinterher noch auf den Schießstand. Hier galt es, möglichst genau zu treffen, um den Tieren, wie oben schon erwähnt, unnötiges Leiden zu ersparen und weitere Gefahren ausschließen zu können. Dabei schlugen sich die Studierenden mal mehr, mal weniger gut. Gegen 13 Uhr endete die Einheit mit dem Reinigen der Waffen.

Nach dem Mittagessen in der Kantine (lecker und wieder sehr günstig) wanderten wir erneut über das Gelände, in der Hoffnung, weitere Rollenspiele, etwa eine Fahrzeugkontrolle zu finden. Doch trotz des Wetters waren nur wenige Kurse draußen unterwegs. Nach etwas Suchen trafen wir auf eine Gruppe, die in einem Rollenspiel zum Thema Raub war. Laut Geschichte saßen zwei Männer auf einer Bank und überfielen einen Passanten, der an ihnen vorbeigehen wollte, indem sie ihm die Laptoptasche vom Körper schnitten. Für die Studierenden kam es hier auch wieder darauf an, systematisch die Spuren zu sichern und gleichzeitig den Geschädigten zu betreuen. Die verschiedenen Spuren (eine Flasche, aus der die Täter getrunken haben könnten, Zigarettenkippen und das Messer der Täter mit Blut daran) fanden die Anwärter auch recht schnell. Dennoch ließen sie die Gegenstände auch recht schnell wieder aus den Augen, während sie sich um den Passanten und die Spuren an seiner Jacke kümmerten. Da kam dann mein Part. Während wir das Schauspiel beobachteten, bat mich die Ausbilderin, quasi als Dea ex machina zu fungieren und als zufällig erscheinende Zeugin das Messer anzuschleppen, sodass sich die beiden nun zwangsläufig um die Waffe kümmern mussten – und um mich als Zeugin, die blöderweise Fingerabdrücke darauf hinterlassen hatte. So wurden dann meine Personalien aufgenommen, eine F-Abfrage gemacht und ich durfte simuliert meine Fingerabdrücke abgeben. Ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, den beiden Jungs so zugesetzt zu haben, warf mein plötzliches Erscheinen doch ihre schöne Planung über den Haufen – aber auch das war eine Situation, die in der Realität auftauchen kann. Und das, was ich beurteilen kann, die Sprache mit dem Bürger,  haben die beiden gut gemeistert. Ich habe mich gut betreut gefühlt. 😉

Am Ende des Tages wurde es dann nochmal theoretisch (nach leckerem Kuchen von einer Studentin…).  Geübt wurde das Schreiben von Berichten. Das Geschehen, in diesem Fall ein Einbruch, sollte subjektiv und objektiv beschrieben werden; d.h. sowohl die Aussagen der Zeugen als auch das Geschehen und Ort (Ja, nur wie heißen die Dinger noch?). Dabei fühlte ich mich im Seminarraum an unsere Schulstunden in Deutsch erinnert, wenn es darum ging, am PC zu schreiben… Während die Studierenden ihre Berichte in Word schrieben, lernte ich das Softwaresystem zur Vorgangsbearbeitung namens IGVP kennen, das auch so seine Tücken hat, weswegen es bis 2017 schrittweise durch ein neues System ersetzt werden soll. (Quelle)

Als ich mich dann am Ende von Tag zwei vorm Bahnhof von meinem Gastgeber verabschieden musste, war ich glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil die zwei Tage wirklich spannend, interessant und toll für mich waren und traurig, dass sie so schnell vorbeigegangen sind.

Daher möchte ich mich an dieser Stelle noch mal ganz herzlich bei Klaus und allen anderen, die mich freundlich begrüßt und interessiert ausgefragt haben, bedanken, auch bei den Studierenden, die den komischen Besuch stoisch ertragen haben. 🙂

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6 Kommentare zu “Schulbesuch

  1. Mandy White sagt:

    Toller Bericht ! Hat mir sehr gefallen, klang sehr authentisch und man merkt wie wohl Du Dich in diesem Umfeld fühlst. Danke!

  2. PoetryCop sagt:

    Meinst du mit „die Dinger“ etwa die NW1? 🙂
    Schöner Artikel, der mich an meine Zeit als Rollenspieler erinnerte.

    • nessi6688 sagt:

      Tja, gute Frage! Die Stelle sollte eigentlich noch korrigiert werden. Schön, dass mir das bisher wieder keiner gesagt hat. xD
      Es ging halt darum, den Sachverhalt, in diesem Fall einen Einbruch, wenn ich mich recht entsinne, subjektiv und objektiv zu beschreiben.
      Die Rollenspieler haben echt super Jobs gemacht. Gerade die Dame an Tag eins war herrlich. 😀

  3. Markus sagt:

    Toller und ausführlicher Artikel! Ist denn was aus den Dekobildern für die Dienststelle geworden?

    Auch schön, dass es dir in NRW gefallen hat. 🙂

    Grüße
    Markus

    • nessi6688 sagt:

      Moin!

      Danke für Dein Lob! 🙂
      Mein letzter Stand zu den Bilder ist, dass man noch rumprokelt, wo und wie man sie am besten aufhängt. 😀
      Ja, es war wirklich toll!

      LG, Nessa

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