Die gefilmte Polizei

Polizei ist nicht gleich Polizei – zumindest nicht im Fernsehen. Ein kleiner, sehr subjektiver Guide durch televisionäre Täterermittlungen.

Wie ich vor etwa einem Jahr zum Start dieses Blogs ausführte, wurde mein Interesse an der Polizei vor allem durch das Fernsehen geweckt. Daraufhin war es, bis zum Anschluss der ersten guten Internetverbindung im Haushalt, auch meine Hauptinformationsquelle neben Zeitungen und Zeitschriften. Dabei wurde mir im Laufe der Zeit klar, dass nicht alles, was uniformiert oder zivil über den Bildschirm läuft, als unumstößliche Wahrheit angesehen werden konnte. Heute eine klare und selbstverständliche Erkenntnis, damals noch Neuland für mich.

Daraus habe ich eine allgemeine Typologie der „gefilmten Polizei“ abgeleitet, die auch heute noch aktuell ist und die Grundlage für einige Fragen bildet, die ich mir stelle und auch gerne den Fernsehmachern stellen würde.

Die Polizei in den täglichen Nachrichten

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NDR-Dienstfahrzeug vor dem Landesfunkhaus Kiel

Die meisten Leute nehmen die Polizei sicherlich vor allem in den täglichen Nachrichten und den sog. Boulevard-Magazinen wahr, wo sich Vertreter der Pressestellen zu den aktuellen Ereignissen vor der Kamera äußern. Der Darstellungs- und Informationswert ist dabei eher gering; geht es doch weniger um die Polizeiarbeit an sich als um die bisweilen dramatischen Ereignisse, die im Bericht thematisiert werden. Dabei kann es, bei kontroversen Ereignissen wie etwa aktuell in Hamburg, auch zu Wertungen kommen. Gerade die Berichte in den Boulevard-Magazinen sind stark auf besonders dramatischen Effekt geschnitten, obwohl die von der Polizei formulierten Statements an sich eher neutral formuliert werden.

Einen tiefergehenden Einblick in den Beruf des Polizisten aber bieten vor allem längere Formate.

Die Polizei in Reportage und Dokumentation

Dreharbeiten für einen Bericht des Sat.1 Frühstücksfernsehens über die BPOL FF/O

Dreharbeiten für einen Bericht des Sat.1 Frühstücksfernsehens über die BPOL FF/O, Quelle: Sheriff Fedpol

Das mithin realistischste und authentischste Bild der Polizei zeigen sicherlich Reportagen und Dokumentationen. Sie begleiten die Beamten in einer Schicht, in einem Einsatz, über mehrere Tage oder sogar Monate. Daraus entstehen kurze Reportagen, z.B. für Magazine wie „Drehscheibe“ und Reihen wie „ZDF Reportage“ oder „24 Stunden“, oder längere Dokuformate, etwa bei „Spiegel TV“ oder „Süddeutsche TV“. Doch auch hier kann die Realität beeinflusst sein, etwa durch Kürzungen (oftmals fallen hier natürlich unspannende Einsätze oder der Schreibkram weg) und Raffungen sowie filmische Mittel wie dramatische, spannungsreiche Musik oder Off-Kommentar. Beispiel hierfür wäre etwa der Bericht über die Arbeit der Bundespolizei in Berlin mit dem Statement „Auch Berliner Polizisten können freundlich sein“, das im besten Fall als ironischer Kommentar verstanden werden kann.  Gerade Formate mit Werbepausen bauen, Serienformaten gleich, auch Cliffhanger in die Berichte ein, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Bei eher boulevardesken Formaten fällt die Auflösung dann bisweilen weniger dramatisch aus als es die Vorschau hatte vermuten lassen.
Fazit: Reportagen und Dokumentationen sind noch mit die beste Fernsehquelle, aber auch hier ist, je nach Format, Vorsicht geboten.
Ein Beispiel für eine gute Reportage (NDR):

Die Polizei in Doku-Soaps und Scripted Reality

Aus den einzelnen Reportagen in der Reihe „24 Stunden“ entwickelte sich die erste polizeiliche Doku-Soap „Toto & Harry“, die aufgrund der guten Quoten und der Beliebtheit bei den Zuschauern ausgekoppelt wurde. In diesen Folgen findet sich neben dem authentischen Material der Begleitung der beiden Bochumer Beamten auch nachgedrehtes Material: Statt eine zweite Kamera mit Team in der Leitstelle zu haben, wurden diese Szenen vom Funken nachträglich gedreht. Auch bei wenigen Szenen, die im Dreh nicht gut genug geworden waren, wurde im Keller des Präsidiums nachgedreht. Und auch hier wurde natürlich verdichtet und zusammengeschnitten, aber alles noch im harmlosen Bereich. Ob des großen Erfolges entstanden zahlreiche Nachahmerformate, etwa „Ärger im Revier“ (RTL II) oder „Achtung Kontrolle“ (Kabel 1). Im Jahr 2014 soll es, nach langer Pause, ein neues Format mit Toto und Harry geben, in dem die Bochumer Beamten ausländische Polizeireviere besuchen. Eine Folge ist bereits abgedreht.
Beim letztgenannten Format „Achtung Kontrolle“ war über die Jahre eine bedenkliche Entwicklung zu beobachten: Vom Reportage-/Dokuformat hin zur sog. „Scripted Reality“. Dabei handelt es sich um Berichte, die authentisch erscheinen und bisweilen auch auf realen Ereignissen beruhen, aber von Laiendarstellern nach einem Drehbuch nachgestellt wurden. Dabei kommt es, je nach Format, auch zu Fehlern in der Darstellung und in der Ausrüstung des Berufs. Neuster Ableger dieser Schiene ist „Auf Streife“, das überraschend erfolgreich in der Daytime von Sat.1 läuft. Hier ist absolute Vorsicht geboten, was die Authentizität betrifft, da vielen Zuschauern nicht klar ist, dass sie keinesfalls eine Doku, sondern etwas Fiktives sehen. Die sehr klein eingeblendeten Hinweise am Ende der Folgen sind da auch keine Hilfe.
Fazit: Man muss gut aufpassen, was für ein Format man vor sich hat um zu erkennen, wie weit es mit der Wahrheit her ist.

Ein weiterer Aspekt, der vor allem die Doku-Soap-Formate betrifft, die sich sehr eng an einzelne Protagonisten binden, ist die durch die Ausstrahlung auftretende Popularität der Beamten, die sie vor einige Probleme stellen kann, sobald sie auf der Straße erkannt werden. Deswegen sind Toto und Harry beispielsweise seit Ende der Serie nicht mehr zusammen auf Streife – es erleichtert ihnen die Arbeit. Aber auch unter den Kollegen kann die Berühmtheit zu Problemen führen. Nicht wenige fühlen sich als Polizei durch die Art der Darstellung der anderen Beamten im Fernsehen falsch wiedergegeben, dazu kommt es auch zu Neid und Missgunst. Die Teilnahme an solche einem Format kann den Frieden in einer Schicht oder auf einer Dienststelle gehörig durcheinanderwirbeln.

 Die Polizei in Film und Serie

Die Scripted Reality-Formate markieren heutzutage quasi das Bindeglied zwischen Reportage und Fiction, also Fernsehserie und Film. Doch im Gegensatz zu diesen Formaten sollte dem Zuschauer bei den fiktionalen Sendungen klar sein, dass diese nicht unbedingt die Realität abbilden (können). Zwar gibt es hier meist so genannte Fachberater, die meist ehemalige Polizisten sind und die Drehbuchautoren und Regisseure bei der Umsetzung unterstützen, doch vermögen sie sich augenscheinlich nicht immer durchzusetzen. Denn hier muss sich die authentische Darstellung der Polizeiarbeit immer der Dramaturgie des Drehbuchs unterwerfen – Spannung vor Realismus. Das Verhältnis beider Antagonisten kann dabei stark schwanken, je nach Film. Ausnahmen, wo dieser Grundsatz nicht gilt, gibt es aber nur sehr, sehr selten. Das führt dann dazu, dass die dargestellten Arbeitsweisen, die Ausstattung und Fahrzeuge teilweise sehr stark von der Realität abweichen können. Vorabendserien wie „Großstadtrevier“ (Das Erste) oder „Notruf Hafenkante“  (ZDF) zeichnen sich beispielsweise dadurch aus, dass allzu harte Delikte wie ein Mord  nicht gezeigt werden und Phänomene wie Nachtschicht oder Schreibkram nur selten thematisiert werden – eben nur, wenn es der Story dienlich ist. Auch sind die Teams, die zusammen einen Streifenwagen oder die Dienststelle besetzen, immer gleich, was in realiter auch nur selten vorkommt. Interessanterweise wurde der „Partnerwechsel“ in beiden Serien zuletzt thematisiert – allerdings nur als einmaliges Experiment. Das alles wäre auch nicht unbedingt ein Problem, gäbe es nicht viele Leute, die das, was sie dort sehen, zu einhundert Prozent für wahr halten und die echten Beamten damit vor Probleme stellen, wie es etwa Michael Schliekau in seinem Blogartikel sehr amüsant schildert.

Ähnliches gilt natürlich auch für die Krimiserien und –filme, die sich mit den in zivil ermittelnden Beamten beschäftigen. Den einsamen Wolf, der unabhängig von seinen Kollegen und dem „Chef“ ermittelt (wie etwa Axel Milberg in seinen ersten „Tatort“-Folgen im Ersten), gibt es in Wahrheit genauso wenig wie DNA-Analysen und Computerauswertungen mit Ergebnissen in wenigen Stunden oder Tagen.  Daher dauert es meist Wochen oder Monate, einen verzwickten Kriminalfall zu lösen und manche bleiben gar ungelöst, während im Fernsehen in der Regel nach 45 oder 90 Minuten ein Täter gefunden ist und die Beamten als Sieger nach Hause gehen. Doch auch solche Dinge bleiben beim Bürger hängen und werden dann nach dem Einbruch oder anderen Delikten eingefordert.
Fazit: Krimiserien und –filme folgen ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und dürfen keinesfalls als Gradmesser für die reale Begegnung mit der Staatsmacht gesehen werden.

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Faktencheck des Kieler K1 – im Begleitheft zum letzten „Tatort“

Die Frage, die sich da einem unweigerlich aufdrängt, ist natürlich: Warum ist das so? Warum gibt es diese starke Diskrepanz zwischen Realität und Film? Schließlich ist es, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, nicht allzu schwer, die entsprechenden Infos für eine möglichst realistische Darstellung von der Polizei zu bekommen: Man muss einfach nur fragen. (Ganz persönlich möchte ich an dieser Stelle mal einhaken, dass mir vor allem bei den verwendeten Einsatzfahrzeugen die fehlende Akkuratesse ins Auge fällt. Liebe Filmfahrzeugverleiher: Schaut doch bitte mal auf polizeiautos.de vorbei und macht euch schlau…) Die Polizei hat sicherlich auch ein großes Interesse, eine angemessene Darstellung ihrer Arbeit zu unterstützen. Einige Polizeien, wie etwa in Bremen, stellen den Produktionen ja auch Fahrzeuge und Personal (also Beamte in ihrer Freizeit) zur Verfügung. In Kiel werden immerhin kartonweise Requisiten aus der Bezirkskriminalpolizeiinspektion getragen, um ein authentisches „Feeling“ rüberzubringen. Und gerade, wenn ich mir als Produzent einen Fachberater leisten kann, sollte die Authentizität doch eigentlich wirklich das kleinste Problem sein.

Screenshot aus einem Kieler "Tatort" - der Sharan links in Hamburger Lackierung ist alles andere als authentisch.

Screenshot aus einem Kieler „Tatort“: Der Sharan links in Hamburger Lackierung ist alles andere als authentisch – wie auch das Gebäude, das eigentlich ein alter Marinestandort ist.

Einfachste Antwort: Die Realität wäre schlicht zu langweilig und zu langwierig. Dem möchte ich aber, zumindest in Teilen, widersprechen.  Denn auch wenn sich die Authentizität sich, wie oben schon bemerkt, dem Drehbuch unterordnen muss, denke ich doch, dass es möglich ist, den Grad doch so hoch wie möglich zu halten – das versuche ich in meinen Geschichten auch einzuhalten. Und auch bei echten Kriminalfällen und Polizeieinsätzen finden sich viele Ereignisse, die mit einem geringen Maß an Bearbeitung spannend dargestellt werden können. Ein Beispiel dafür sind etwa die „Stahlnetz“-Krimis Anfang der 2000er Jahre, die echte Fälle als Fernsehfilme nachstellten oder das RTL-Serienformat „Im Namen des Gesetzes“ in der Tradition von „Law and Order“, das sich ganz auf die Ermittlungen konzentrierte – das Privatleben der Ermittler war hier überhaupt kein Thema. Besonders war hier noch, dass die Folge nicht mit dem Ergreifen des Täters endete, sondern bis zur Verkündung des Urteils am Fall dranblieb und auch zuvor immer die Zusammenarbeit der Polizei mit der Staatsanwaltschaft, die die Ermittlungen leitet, darstellte. Weitere Serien, die positiv zu nennen sind, wären etwa „Abschnitt 40“ (RTL) und „KDD“ (ZDF), die auch von Beamten für ihre recht realitätsnahe Darstellung gelobt wurden.

Mehr zum Thema könnt ihr beim Filmmagazin „Manifest“ lesen, geschrieben vom geschätzten Benjamin Hahn.

Bleibt also festzustellen: Die Darstellung der Polizei im Fernsehen ist vielfältig – und ist man auf der Suche nach Realismus und Authentizität, muss man genau hingucken und viel hinterfragen. Dabei wäre es vielleicht gar nicht so schwer, auch in der Fiction zumindest etwas realistischer zu werden.

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Ein Kommentar zu “Die gefilmte Polizei

  1. […] anderen Behörden wie dem Zoll die Küstenwache stellen, ist die Tatsache, dass sie nicht, wie das Fernsehen suggeriert, tagsüber rausfahren und abends wieder in den Hafen einlaufen, sondern eine ganze Woche am Stück […]

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