Y-Reisen und ich

Wer ab und zu einen Blick in meine Galerien wirft, wird feststellen, dass neben der fast ausschließlich präsenten Polizei und ein paar Rettungsdienstlern und Feuerwehrleuten auch gelegentlich Bundeswehrsoldaten auf meinen Bildern auftauchen. Warum dies in einer Zeit wie heute, in der die Existenz und die Aufgaben der Bundeswehr quasi immer umstritten sind, so ist, erfahrt ihr hier.

Ich bin in einer Garnisonsstadt aufgewachsen. Daher gehörte die Bundeswehr immer zum alltäglichen Stadtbild, gerade Anfang der Neunziger, als die Armee noch nicht unter den zahlreichen Umstrukturierungs- und Verkleinerungsmaßnahmen zu leiden hatte.

Lüneburg hatte zur Zeit des Kalten Krieges im sog. „Zonenrandgebiet“ gelegen, was frei übersetzt bedeutete: „Wenn der Russe kommt, sind wir als erste dran.“ (Mit schönen Planspielchen: „Bevor der Russe kommt, erklären wir China den Krieg – die müssen dann durch Russland durch!“) Daher befanden sich in der Stadt nicht weniger als drei Kasernen, flankiert von einer Kaserne des Bundesgrenzschutzes (BGS).  Herzstück der Stationierungen war dabei die Panzertruppe, u.a. das Panzerbataillon 84 (PzBtl 84), das in der Schlieffen-Kaserne beheimatet war, an deren Toren zur Bleckeder Landstraße auch gleich zwei ausgestellte Panzer grüßten (sie sollen sich heute angeblich im Museum in Munster befinden – ich suche noch…). Weitere Standorte waren die Scharnhorst- und die Theodor-Körner-Kaserne.

wappen panzerbataillon 84

Wappen des PzBtl 84 und des PzReg 2, die von mir restauriert wurden, bei einer Gedenkfeier zum Volkstrauertag.

Die Soldaten gehörten also lange Zeit wie selbstverständlich zur Stadt. In dem Spielwarengeschäft, in dem meine Mutter arbeitete, kauften sie beispielsweise Modelle ihrer Panzer und Fahrzeuge. Auch mein Papa und meine Onkel leisteten ihren Dienst bei der Bundeswehr ab (mit der schönen Geschichte, dass ein  militärischer Vorwand genutzt wurde, um meinen Tauftermin wunschgemäß zu verlegen und ich daher Uniformierte auf meiner Taufe hatte), aber es kamen natürlich auch junge Rekruten und andere Soldaten aus der ganzen Bundesrepublik nach Lüneburg – und nicht wenige blieben in der Stadt, nicht zuletzt unser seit 1991 amtierender Oberbürgermeister Mädge, der 12 Jahre Zeitsoldat gewesen war.

Nicht zuletzt stellten die Wehrdienstleistenden und die Stationierten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. Was das wirklich für die Stadt bedeutete, wurde dann deutlich, als nach der Wende die ersten Bundeswehrreformen griffen und die Zahl der Soldaten und damit der Kasernen in Lüneburg langsam aber sicher zusammenschrumpfte. Heute sind von den ehemals drei Kasernen noch anderthalb übrig. Die Theodor-Körner-Kaserne (TKK) beherbergt noch das Aufklärungslehrbataillon 3 und Teile von angegliederten Kompanien und Dienststellen. Der für die Öffentlichkeit sichtbarste Teil ist sicher das Kraftfahrausbildungszentrum, im Volksmund „Fahrschule Y“ genannt, die sich unter der Woche jeden Mittag mit ihren weißen Leasing-LKW durch den Stadtverkehr drängeln. Wer sich gegen 13 Uhr auf den Weg in die Innenstadt Lüneburgs macht, wird garantiert auf mindestens ein Gespann treffen.

Tag der Offenen Tür in der TKK 2012

Tag der Offenen Tür in der TKK 2012

Während die Scharnhorst-Kaserne von der Universität übernommen wurde, die sich heute Leuphana nennt und ein opulentes Audimax neben die alten Backsteinbauten bauen lässt, werden die Gebäude  der Schlieffen-Kaserne heute als Behördenzentrum genutzt. Zudem entsteht in direkter Nachbarschaft das Neubaugebiet „Hanseviertel“, dem auch schon die alten Panzerhallen weichen mussten. Aus dem ehemaligen Offizierskasino soll laut Plänen die Kita des Stadtteils werden. Ein kleiner Rest wird noch von der Polizei genutzt, um dort Beamte zur Betreuung des Castor-Transports nach Gorleben unterzubringen. Da die Zukunft dieser Transporte jedoch ebenfalls fragwürdig ist, schielt die Stadt schon auf diese Flächen. In der ehemaligen BGS-Kaserne haben sich Internet- und Werbefirmen angesiedelt, das moderne Großkino wurde hier gebaut und auch ein Versicherungskonzern hat sich seinen Glaspalast auf die ehedem umzäunte Fläche gestellt. Die übriggebliebene Bundespolizei residiert in einem kleinen Gebäude der ehemaligen Standortverwaltung (StOV), in der jetzt Wohnungen und Infrastruktur für’s neue Hanseviertel entstehen. Die Konversion ist also aller Orten voll im Gange.

Bereitstellung zum Castor-Transport in der alten Schlieffen-Kaserne.

Bereitstellung zum Castor-Transport in der alten Schlieffen-Kaserne 2012.

Während sich die Bundeswehr zu meinem persönlichen Verdruss in Lüneburg bereits auf dem absteigenden Ast befand, verschlug es mich nach meinem Abi 2007 nach Kiel – natürlich Marinestandort. Mit Freude besuchte ich die Open Ship-Veranstaltungen zur Kieler Woche an der Tirpitzmole, wo die Schiffe der Marine am Kai lagen, darunter natürlich auch die Gorch Fock. Noch mehr freute ich mich am vom Marinefliegergeschwader 5 (MFG 5) ausgerichteten SAR-Meet, der leider 2010 letztmalig stattfand und Rettungsflieger vieler Länder zusammenführte.

Sea King des MFG 5 beim SAR-Meet 2010

Sea King des MFG 5 beim SAR-Meet 2010

Leider traf die letzte Bundeswehrreform dann auch Kiel. Schon länger hatte festgestanden, dass die Marineflieger aus Holtenau nach Nordholz in Niedersachsen umziehen mussten, weswegen auch das SAR-Meet nicht mehr fortgesetzt werden konnte. Aber auch viele andere Einrichtungen der Marine sollen der Umstrukturierung zum Opfer fallen, was für Kiel einen Verlust von Dienstposten bedeutete (von 5290 auf 3590) und das Ende des Marinearsenals sowie weiterer Einrichtungen:  Auf­ge­löst wird das 5. Minen­such­ge­schwa­der, der Mari­near­se­n­al­be­trieb, das Wehr­be­reichs­kom­mando I, die Wehr­be­reichs­ver­wal­tung Nord (Außen­stelle), das Sani­täts­kom­mando I und das Kreis­wehr­er­satz­amt. Der Ein­satz­grup­pen­ver­sor­ger Frank­furt soll nach Wil­helms­ha­ven ver­legt werden. (Quelle: Fördeflüsterer) Schon jetzt stehen in der Wik etliche ehemalige Kasernenbauten leer. So beherbergt ein Gebäude jetzt regelmäßig das „Polizeipräsidium“ des Kieler „Tatorts“.

Dreharbeiten in der Wik

„Tatort“-Dreharbeiten in der Wik

Ich persönlich (denn dies ist neben allen Infos ein persönliches Blog) bin von diesen Reduzierungen nicht begeistert. Und das soll nicht bedeuten, dass ich Dinge wie den Auslandseinsatz in Afghanistan gutheiße. Ich bin der Meinung, dass wir eine gut aufgestellte Bundeswehr benötigen. Denn selbst wenn ich es für falsch halte, unsere Jungs in Stellvertreterkriege ins Ausland zu schicken: Wenn wir einmal da sind, müssen wir den Job auch ordentlich machen und so gut es geht zu Ende bringen. (Das ist ähnlich wie beim Atommüll: Atomkraft ist schlecht, aber den Müll, den wir damit verursacht haben, müssen wir auch wieder zurücknehmen und dafür Verantwortung übernehmen.)

Nicht zuletzt ist die Bundeswehr für mich eine Stütze der Gesellschaft – nicht nur als Wirtschaftsfaktor für die Städte (s.o.). Bei Naturkatastrophen wie dem Hochwasser 2002 oder der wohl noch schlimmeren aktuellen Hochwasserlage möchte ich sie nicht missen. Zum einen, weil sie natürlich Manpower haben, aber auch gut ausgebildete Spezialisten. Als 1976 kurz nach der Eröffnung der Elbeseitenkanal nahe Lüneburg brach und meine Oma schon Sandsäcke vor ihrer Tür stapeln wollte, waren es Bergepanzer der Bundeswehr, die die Strömung stoppten und eine Absicherung der Bruchstelle ermöglichten.

Abseits aller militärischen Funktionen leistet die Bundeswehr auch ihren Teil zur medizinischen Versorgung im Land. Bekanntestes Beispiel im Norden ist sicher der Rettungshubschrauber, der am Bundeswehrkrankenhaus (BWK) Wandsbek in Hamburg stationiert ist (bekannt natürlich aus dem Fernsehen), auch wenn der Heli an sich mittlerweile von der Bundespolizei bzw. dem Bundesinnenministerium betrieben wird. Die Krankenhäuser stehen auch zivilen Patienten offen und leisten auch einen Beitrag zur Ausbildung von jungen Ärzten.

Umso schöner ist es zu hören, dass unter anderem in Lüneburg sog. „Heimatschutzkompanien“ aufgestellt werden sollen, die die Reduzierung der regulären Truppen ausgleichen und zudem ein Bindeglied zwischen Bundeswehr und Zivilgesellschaft sein sollen. Eine gute Idee, wie ich finde.

Außerdem habe ich in der Zwischenzeit einige ehemalige Soldaten kennen gelernt, die mir einen Einblick in ihre Arbeit und Erlebnisse verschafft haben, was meinen Respekt weiter gesteigert hat. Daher wird auch die Bundeswehr immer wieder Thema in meinen Bildern und Comics sein.

Ich hoffe, dass es nun etwas verständlicher ist, warum die Bundeswehr bei mir trotz aller Probleme ein hohes Ansehen und Unterstützung genießt.

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